Samstag, Mai 17, 2014

Ken Follett: Winter der Welt (Jahrhundert-Trilogie 2)

"Winter der Welt" - eine kühle Alliteration, die einem die Härchen auf den Armen in die Höhe schnellen lässt, wenn man denn weiß, welche Epoche der Menschheitsgeschichte hier beschrieben wird. Der europäische Faschismus und der Zweite Weltkrieg lassen mit seinen Gräueln die Menschheit rückblickend erstarren. Eine dunkle Epoche, finsterer als das Mittelalter.

Der Inhalt ist damit klar: Im zweiten Teil seiner Jahrhundert-Saga widmet sich Ken Follett der Zeit zwischen der Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis etwa 1950. Im Zentrum der Handlung stehen die Figuren und deren Sprösslinge aus dem "Sturz der Titanen", dem ersten Teil der Saga. Für manche Figurenbeziehungen wäre es daher von Vorteil, Folletts Werk zum Ersten Weltkrieg gelesen zu haben. Wer mehr Wert auf den geschichtlichen Hintergrund legt, kommt aber sicher auch ohne Vorwissen zur Figurenkonstellation aus.

Handlung und geschichtlicher Hintergrund können getrennt voneinander betrachtet werden. Wie schon im ersten Teil erleben verschiedene Figuren aus verschiedenen Nationen die Zeit des Faschismus in Europa und den Zweiten Weltkrieg. Dabei werden alte Verflechtungen aufgedeckt, zufällige Treffen arrangiert und neue Beziehungen und Beziehungskrisen generiert. Allerdings findet dies auf eine weitaus weniger dramatische Weise wie im ersten Teil statt. So gibt es weder uneheliche Kinder noch geheime Ehen, Eifersucht oder leidenschaftliche Liebe. Die Tiefe der dargestellten Beziehungen ist etwa so, als würde man ein Liebespaar aus der Ferne im Park beobachten, das sich verstohlen küsst oder sich verdeckt streitet. Ein kurzer Blick genügt, um zu sagen "Ohhh, wie nett!" und schon wird das Interesse vom nächsten Eichhörnchen gefangen gehalten... Es sind immer nur Ansätze vorhanden, um nicht ganz auf die persönliche Note der Figuren verzichten zu müssen, um sie menschlicher erscheinen zu lassen, nicht nur wie Schachfiguren. Mir persönlich ist das zu wenig, "Sturz der Titanen" zeigte die Sozialgeschichte sehr viel anschaulicher und spannender. Gerade nach dem ersten Teil der Jahrhundert-Saga wird eine dahingehende Erwartungshaltung eingenommen. Schade, dass Follett den "Winter der Welt" auch auf das Zwischenmenschliche bezieht.

Wer sein geschichtliches Wissen zum Dritten Reich auffrischen will, wird ebenso enttäuscht werden. Vorwissen wird nämlich vorausgesetzt. Der Fokus liegt hier eher auf Aspekten, die relativ unbekannt sind, im Geschichtsunterricht lediglich mal so nebenbei erwähnt werden. Ich persönlich finde das erfrischend anders, ein anderer mag beklagen, dass das Gedenken des Holocausts zu kurz kommt. Die Diskussion darum beinhaltet eine Menge Sprengstoff und daher möchte ich darauf verzichten.

Die Darstellung des nationalsozialistischen Deutschlands fällt insgesamt also recht knapp aus. Wir erhalten Einblick in den Reichstagsbrand und dessen Folgen ("Reichstagsbrandverordnung" und "Ermächtigungsgesetz"), die Arbeit der Gestapo wird nicht mehr als angerissen und es wird die Entrechtung der Juden angesprochen, nicht jedoch die Verfolgung und Vernichtung. Dafür wird das Euthanasieprogramm T4 erwähnt, das eher selten Eingang in Romane zur NS-Zeit findet. Allerdings auch nur in dem Maße, dass man nach der Lektüre weiß, dass es dieses Programm gab. Sagen könnte man dazu natürlich sehr viel mehr.

Wenn nun das Leben im Nationalsozialismus nur recht knapp umrissen wird, wie füllt Follett dann seine sehr zahlreichen Buchseiten? Mit ein bisschen Diplomatie, ein bisschen Spionage, ein bisschen mit dem Spanischen Bürgerkrieg, ein bisschen mit dem Unternehmen Barbarossa (Angriff auf die Sowjetunion), ein bisschen mit der Flucht von Kriegsgefangenen aus Frankreich über Spanien, ein bisschen Pearl Harbor (mit einem bisschen Homosexualität in der US Navy), ein bisschen D-Day, ein bisschen Widerstand, ein bisschen mit der Bombardierung Londons, von allem wird eben ein bisschen angerissen.

Wie auch beim ersten Teil fiel mir die Lektüre eher schwer. Ich wurde weder mit mir neuen geschichtlichen Details überrascht, noch fand ich die zwischenmenschlichen Handlungen sehr packend, mitreißend, überaus emotional oder spannend. Das Weiterlesen war mir eher eine Pflicht, da ich Bücher nur ungern nicht fertig lese. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass doch noch was passiert. Es passiert nur nix. Für mich war dieser Follett nun wirklich für lange Zeit der letzte. Sein Schreibstil kommt mir einfach nicht entgegen.

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