Samstag, Mai 17, 2014

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem (I-III)

Der Beginn der Saga um die Tribute von Panem liegt zwar schon etwas zurück, aber ich habe jetzt erst alle drei Bände in der deutschen Übersetzung von Silke Hachmeister gelesen. Früh genug, bevor die Bücher alle verfilmt sind.
Die drei Bände tragen die Titel: "Tödliche Spiele", "Gefährliche Liebe" und "Flammender Zorn". Eigentlich passt jedoch nur der erste Titel, die anderen beiden sind für den Inhalt etwas weit hergeholt. Ich werde nicht jeden Band extra zusammenfassen, da die Saga als Trilogie angelegt ist, eine Unterscheidung der Bücher ist damit nicht notwendig.

Der nordamerikanische Kontinent irgendwann in der Zukunft. Er ist weitestgehend durch Naturkatastrophen zerstört. Es hat sich ein neuer Staat namens Panem formiert, der aus dem Kapitol und 12 Disktrikten besteht. Das politische System ist totalitär, angeführt von Präsident Snow. Das Kapitol ähnelt einem Schlaraffenland. Die Bürger nehmen Abführmittel, um immer noch mehr essen zu können. Die Technologie ist auf dem Höchststand, die verwöhnten Bürger folgen befremdlichen Modeerscheinungen, die sie mithilfe von Schönheitsoperationen umsetzen. Die zwölf Disktrikte dienen dazu, das Kapitol zu beliefern. Hier leiden die Menschen Hunger, die sozialen Zustände entsprechen denen während der industriellen Revolution, die Menschen werden vom Kapitol unterdrückt und mit Propaganda bombardiert. Nach einem Aufstand der Distrikte vor knapp 80 Jahren, bei dem Distrikt 13 vollkommen zerstört worden ist, beugt sich die Bevölkerung weitestgehend. Das Kapitol lässt sie ihre Niederlage nicht vergessen. Alljährlich werden so genannte Hungespiele veranstaltet. Jeder Distrikt entsendet mittels Losverfahren ein Mädchen und einen Jungen zwischen 12 und 18 Jahren, die Tribute, die dann in einer groß angelegten Landschafts-Arena um ihr Überleben kämpfen. Nur ein Tribut bleibt am Ende übrig, nachdem sie sich gegenseitig abgemetzelt haben. Die Bewohner des Kapitols können ihren Favorit durch Geschenke unterstützen, etwa durch Nahrung und Medizin. Um den Tributen eine Chance zu geben, müssen sie vor den eigentlichen Spielen um die Unterstützung buhlen, ähnlich einer Miss-Wahl. Ein Team von Stylisten peppt die Jugendlichen auf, ehemalige Sieger stehen als Mentoren zur Seite, um Strategien zu planen.

Katniss Everdeen ist 17 Jahre alt und lebt in Distrikt 12, dem Bergbau-Distrikt. Nachdem ihr Vater bei einem Minenunglück gestorben ist, liegt die Versorgung der Familie in ihrer Hand. Die Mutter ist in eine Depression verfallen, ihre kleine Schwester Prim mit 12 Jahren noch zu jung. Um eine ausreichende Lebensmittelversorgung zu gewährleisten, wildert Katniss zusammen mit ihrem platonischen Freund Gale in den Wäldern außerhalb des Distrikts. Ihre Beute bereitet die Familie teils selbst zu, den übrigen Teil verkauft Katniss auf dem Schwarzmarkt, um Waren des täglichen Gebrauchs zu erstehen.
Die Handlung setzt am Tag der "Ernte" ein, an dem die Tribute für die Hungerspiele ausgelost werden. Prim trifft das Los, Katniss nimmt ihren Platz ein und fährt zusammen mit dem etwa gleichaltrigen Peeta ins Kapitol. Peeta gesteht bei dem Propaganda-Interview vor den Hungerspielen, dass er schon seit Jahren in Katniss verliebt sei. Dieser wird jedoch von ihrem Mentor weisgemacht, dass dies Teil der Show sei, um Sponsoren zu gewinnen und Katniss spielt mit.
In der Arena spielen die beiden das tragische Liebespaar. Die Spielleitung sieht sich dazu gezwungen, die Regeln zu ändern. Überleben zwei Tribute aus demselben Distrikt, darf es zwei Sieger geben. Als zum Schluss Katniss und Peeta übrigbleiben, soll die Regeländerung zurückgenommen werden. Die beiden drohen damit, sich mit giftigen Beeren umzubringen, das Kapitol gibt nach und wird dem Spott der Masse ausgesetzt.
Bei der sich anschließenden Tour der Sieger durch alle Disktrikte offenbart sich Katniss das Ausmaß ihres angedrohten Selbstmordes. Die Menschen sehen in ihr die Hoffnung, der Unterdrückung zu entkommen. Erste Aufstände formieren sich, auch in Distrikt 12 wird eine härtere Gangart eingeschlagen, um einer Revolution vorzubeugen. Snow will Katniss tot sehen. Da die Bewohner des Kapitols diese wegen der Hungerspiele vergöttern, setzt er einen propagandistischen Trick ein. Die Hungerspiele jähren sich zum 75. Mal, es findet ein "Jubel-Jubiläum" statt, das immer besonderen Regeln unterworfen ist. So werden zum Zeichen, dass die Distrikte chancenlos gegen das Kapitol sind, nur ehemalige Sieger entsandt. Da Katniss die einzige Siegerin aus Distrikt 12 ist, muss sie erneut in die Arena, wieder zusammen mit Peeta, der unterdessen erkannt hat, dass Katniss ihre Liebe beim ersten Mal in der Arena nur gespielt hat, um zu überleben. Trotzdem verfolgen die beiden beim zweiten Mal dieselbe Strategie, um Sponsoren zu gewinnen. Die Hungerspiele werden jedoch durch Rebellen gestört und Katniss aus der Arena, als Zeichen der Rebellion, nach Distrikt 13, der nur oberflächlich zerstört worden ist und dessen Bewohner unter der Erde leben, entführt. Von dort aus dient sie der Propaganda der Rebellen, deren Anführerin die Präsidentin von 13 ist, eine Frau namens Coin. Peeta wird vom Kapitol gefangen gesetzt und gefoltert, um die Propaganda des Kapitols zur Niederschlagung des Aufstandes zu unterstützen.
Zusammen mit ihrem Freund Gale dringt Katniss mit den Rebellen ins Kapitol vor und es gelingt der Sturz von Präsident Snow. Da aber Präsidentin Coin dieselben Ziele verfolgt wie dieser, wird sie am Ende von Katniss mit einem Pfeil erschossen, Präsident Snow stirbt vor Lachen darüber an seinem Bluthusten.
Im Epilog wird dargestellt, wie Katniss mit Peeta eine Familie gründet, die Ereignisse der Hungerspiele und der Rebellion jedoch nie vollkommen verarbeitet.

Die Trilogie enthält also zwei Handlungsstränge. Einmal die Beseitigung eines politischen Systems und als Zweites eine Dreiecksbeziehung zwischen Katniss, Peeta und Gale.

Die Dystopie eines totalitären Systems wird anschaulich und nachvollziehbar aufgebaut. Dass für das System Menschen geopfert werden, ist nichts Neues, die Art und Weise jedoch spannend aufgebaut. Aus Katniss' Sicht kann man den Druck und die Angst nachempfinden, Katniss gehört zudem zu den wenigen Figuren, die trotz des Überlebenskampfes nicht ihre Menschlichkeit verlieren. Bei den Kämpfen in der Arena hält sie sich weitestgehend heraus, die anderen Teilnehmer werden zum Teil als regelrechte Monster dargestellt, was aber wohl der menschlichen Natur entspricht, wenn es um das Überleben geht, zu weit hergeholt sind die Nebenfiguren gerade bei den ersten Hungerspielen nicht. Bei den Spielen zum "Jubel-Jubiläum" scheint die Handlung weniger plausibel. Die Teilnehmer kennen und schätzen sich. Warum wird der Aufstand nicht dadurch unterstützt, dass die Tribute sich alle einfach zusammenschließen und das Gemetzel verweigern? Diese Entscheidung ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Geschichte dann erheblich an Action und Spannung einbüßen würde. Die ersten beiden Bände bedienen mit den Hungerspielen den Voyeurismus und treiben ihn auf die Spitze. Man sieht Menschen beim Sterben zu. Man hat eigentlich BigBrother, nur wählt nicht das Publikum die Bewohner aus dem Haus, sondern die Bewohner bringen sich um. Hoffentlich kommt RTL nicht auf die Idee, das mal umzusetzen. Der letzte Band, in dem das System gestürzt wird, liest sich zäh. Militärische Taktiken werden zwar angerissen, es wird versucht, das Leid der Menschen zu zeigen, was aber nicht richtig gelingen will, da Katniss als Symbol der Revolution nicht an die wirklich heißen Brennpunkte randarf. Bei der Eroberung des Kapitols werden Zusammenhänge zu den Hungerspielen aufgezeigt. Seitenweise wird da gegessen und gewartet. Auf recht unspektakuläre Weise. Man wird auch nicht mit einer großen Überraschung belohnt. Dass Katniss Präsidentin Coin erschießt, war lange abzusehen. Durch den Konkurrenzkampf der Propagandamaschinerie werden deren Absichten offensichtlich, eine viel größere Überraschung wäre es gewesen, Coin an die Macht kommen zu lassen (Da hätte man dann noch drei Bände schreiben können.) Etwas enttäuschend ist, dass offen bleibt, welche Regierungsform dann eingeführt wird. Eine Demokratie? Man kann nur rätseln, was Collins mit der fehlenden Auflösung bezweckt. Will sie zeigen, dass es keine optimale Regierungsform gibt? Kann sie sich nicht entscheiden? Will sie zeigen, dass alles andere besser ist als eine Diktatur? Ist es ihr nicht wichtig, da es sich um ein Jugendbuch handeln soll? Gerade dann, wenn eine politische Erziehung mitschwingt, sollte ein politisches Happy End vorhanden sein. So enden die Tribute von Panem ganz im Sinne der Politikverdrossenheit. Ob Katniss kämpft oder nicht, ist vollkommen egal, weil "man" ja sowieso nichts ändern kann. Der einzelne bleibt ein Spielball des Systems. Ob das gerade heutzutage das richtige Signal ist, ist fraglich. Für den Literatur- und auch Geschichtsunterricht bietet diese Darstellung natürlich viel Material. Diktaturen, Brot (lat. Panem) und Spiele, Bedeutung der Demokratie, Opfer von Diktaturen, Herrschaftsstrategien von der Antike bis zur Neuzeit. Toll! Aber nichts davon erklärt sich eigentlich von selbst, für einen Jugendlichen schon gar nicht. Fehlt das Verständnis dafür, geht ein bedeutender Teil der Trilogie leider verloren.

Nun gut, da es ja ein Jugendbuch sein soll, könnte ja auch die Dreiecksbeziehung im Mittelpunkt stehen. Botschaft: Die Liebe, die das System übersteht. Ja, das wäre teenager-schmacht-tauglich, das bisschen Sozialkunde wird dann einfach untergejubelt. So wenn es nur wäre! Der Titel des zweiten Bandes, Gefährliche Liebe, würde so etwas in der Art vermuten lassen. Tatsächlich bleibt Katniss für sich. Da wird dann überlegt, ob das Liebesgeständnis von Peeta nur Strategie ist, Gale wird während der ersten Spiele sowieso vergessen, beide Männer sind zwar ein bisschen eifersüchtig, immer wieder einmal, aber es kommt nicht zum Eklat, Katniss wird nicht gezwungen, sich zu entscheiden. Und sie entscheidet sich auch nicht. Es gibt ein paar Küsschen, die aber meist nicht von ihr ausgehen. Beide sind ihr wichtig - aber nur als Freund. Ach, du meine Güte, ich bringe alle Menschen in Gefahr, die mir wichtig sind, was mir aber letzten Endes wurscht ist... Ist es Liebe? Ist es keine Liebe? Dabei braucht man nicht einmal ein Teenager sein, um sich für einen der beiden zu entscheiden und sich zu wünschen, dass mit einem davon "mehr geht". Wenn man dieses "Nicht Fisch - nicht Fleisch" so liest, ist man in der Twilight-Saga gleich wieder froh um "Team Edward" und "Team Jacob". Da gibt's zwar auch ein ewiges Hin und Her, aber am Schluss steht eine Entscheidung und für den anderen gibt es auch eine Lösung. Hätte Katniss sich nicht für Gale entscheiden können, Peeta bekommt im Gegenzug, der am Ende der Trilogie sowieso einen psychischen Schaden abbekommt, eine großherzige Nebenfigur, die ihn über alles liebt? Aber nein, das Ende liest sich gerade so, als ginge Katniss nur eine Zweckehe ein. Katniss - die Selbstsüchtige, deren oberstes Ziel das einsame Überleben ist. Das ist nicht tragisch, das ist langweilig. Ein Schiller oder ein Goethe hätte sie dann wenigstens gleich ganz alleine gelassen, alle Liebsten tot, Katniss muss mit ihrer Schuld zurecht kommen. Muss sich der Frage stellen, ob Menschenopfer für das System zu rechtfertigen sind. Das ist Tragik! Ein moralisches Dilemma! Selbstsüchtigkeit oder Selbstlosigkeit, das ist hier die Frage! Nach literarischen Vorgaben hätte man den einen oder den anderen auch noch einen tragischen Heldentot sterben lassen können, das erste Kind von Katniss erhält dann als Gedenken dessen Namen, usw. Es gäbe soviele Möglichkeiten, um die Dreiecksbeziehung aufzulösen, die eigentlich keine ist. Selbst die Entdeckung der gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen Gale und Peeta wäre noch interessanter als die Halbherzigkeit der Hauptfigur. Dann könnte man zumindest noch das Thema Toleranz miteinflechten. Die Anlage von Katniss ist sowieso eher geschlechtlos. Aber selbst als wallender Racheengel, wie Flammender Zorn vermuten ließe, taugt sie nur wenig. Sie wird zum Symbol des Aufstandes auserkoren, tritt aber eigentlich nicht groß in Erscheinung. Die meiste Zeit des dritten Bandes wird sie mit Beruhigungsmitteln zugedopt, weigert sich mittendrin zu sprechen, ist eine gescheiterte Existenz. Aber auch das hätte man sehr viel dramatischer gestalten können. Wenn schon scheitern, dann richtig. Dann wäre es eben ein Ende gemäß der modernen Literatur gewesen. Oder man hätte sie halt sterben lassen können. Nein, da wird sie zwar am Ende verkohlt, aber durch die hochmoderne Medizin wieder zusammengflickt. Symbolisch für ihre Seele?!

Insgesamt haben sich vor allem die ersten beiden Bände sehr gut lesen lassen. Gerade im ersten Band wurde soviel Spannung zu beiden Handlungssträngen aufgebaut, dass man neugierig auf die Fortsetzungen wird. Allerdings werden dann diese "großen Themen" eben nur halbherzig zu Ende gebracht, was ich unendlich schade finde. Alle Möglichkeiten wären offen, es fehlt nur der Mut, sich für eine zu entscheiden. Selbst wenn man die Bücher ohne große literarische Analyse liest, just for fun, ist gerade das Ende sehr enttäuschend. Man wünscht sich irgendwie mehr Endgültigkeit.

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