Samstag, Mai 17, 2014

Timur Vermes: Er ist wieder da

Es liegt oder steht fast unscheinbar im Regal. Ein weißes Buch, ohne große Illustrierung des Titels. Man könnte achtlos daran vorübergehen... oder es fällt einem auf. Man nimmt es in die Hand, wundert sich, über die spartanische Illustrierung, den kleingedruckten Titel... und erkennt die unverkennbaren Merkmale eines Mannes, den die meisten am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis streichen würden: Adolf Hitler. Politisch gesehen ein Thema, dass entweder aufgrund von Schuldgefühlen aufgearbeitet wird in Form von Gedenkstätten und Dokumentationszentren oder versucht wird, zu verdrängen. Obgleich es inzwischen mehr als genügend Parodien gibt, deren Gehalt und Notwendigkeit in den meisten Fällen mehr als zweifelhaft sind, ist der Umgang damit ein schwieriger. Darf man das? Nun handelt es sich bei diesem Roman jedoch in keinster Weise um eine Parodie oder um einen Versuch, das düstere Kapitel aufzuarbeiten. Vielmehr handelt es sich um ein sehr gesellschaftskritisches Werk, das zeigt, wie fruchtlos die gesamte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sein kann, wenn der richtige/falsche Mann zur richtigen/falschen Zeit zur Stelle ist. Auf die Spitze getrieben wird dies dadurch, dass Vermes es sogar dem gleichen Mann ein zweites Mal gelingen lässt - mit den gleichen Methoden wie damals, die jedoch heute in den Schulen vermittelt werden sollen, um gerade das zu verhindern. Ganz frei von schwarzem Humor ist die Vermarktung des Buches nicht. Der Preis beträgt 19,33 Euro - das kann kein Zufall sein. Man muss zugeben, dass der Preis die künstlerische Intention noch unterstützt. Das Jahr, das von den Nazis propagandistisch als "Machtergreifung" gefeiert wird, obgleich es eine Machtüberlassung war. Auch im dargestellten Szenario muss von einer Überlassung gesprochen werden, die, wie man Ursula März (DIE ZEIT) entnehmen kann, "[...] in ihren Einzelschritten und Details erschütternd plausibel ist."
Der Inhalt, wiedergegeben aus der Ich-Perspektive, was wegen des eingeimpften Schuldgefühls erst einmal befremdlich wirkt, ist schnell umrissen: "Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandet [Hitler] in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere - im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten deutscher Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und "Gefällt mir"-Buttons." (Klappentext)
So absurd es klingen mag, man kann mit Hitler lachen: über Situationskomik, über seine neuen Erfahrungen und gleichzeitig wird man nachdenklich. In einem Ton, der dem Original erstaunlich und erschreckend zugleich gut nachempfunden ist, werden gesellschaftliche Missstände klar und deutlich auf den Punkt gebracht, die man sich in der heutigen, die Moralkeule schwingenden Gesellschaft kaum noch laut zu sagen traut (was ebenso thematisiert wird). Ob es die mangelnde Bewegung der Jugendlichen ist, Hartz-IV-TV, sinnlose Laubbläser oder die aktuelle Lage der "Politikverdrossenheit", die Entwicklungen in der Bundesrepublik werden gnadenlos auseinandergenommen und gleichzeitig Parallelen zur NS-Diktatur aufgedeckt. Die BILD-Zeitung wird (meiner Meinung nach völlig zurecht) als formidables Propaganda-Instrument dargestellt, der Laubbläser, der trotz Wind gewissenhaft seiner sinnlosen Tätigkeit nachgeht, wird zum befehlstreuen Soldaten und die Politiker vergangener Zeiten, obwohl dann inhaftiert und beseitigt, werden hochgelobt, da diese wenigstens noch ausreichend Charakter gehabt hätten im Vergleich zu den heutigen. Die Kuschelpädagogik bekommt auch ihren Dämpfer und zu Hartz-IV-TV heißt es: "Jedenfalls ließ es sich der Sprecher nicht nehmen, noch einmal für mich zu erklären, dass das erbärmliche Weibsstück jegliche Kontrolle über seinen schwachsinnigen Bankert von Dreckstochter verloren hatte [...]. Letzten Endes, so teilte ich lautstark dem Apparat mit, gehörte dieser ganze Zirkel verunglückter Existenzen in ein Arbeitslager [...]." (S.83). Das mag hart klingen und man neigt beim ersten Lesen zu einer ebenso harten Verurteilung. Dann stellt sich aber die Frage, ob es nicht doch noch Einrichtungen, die Arbeitslagern recht nahe kommen, gibt? Man denke nur an das auch wenig anspruchsvolle Format "Die strengsten Eltern der Welt". Angesichts des um sich greifenden Laissez-Faire-Erziehungsstils wünscht man sich doch manchmal mehr Disziplin zurück - ohne Arbeitslager, versteht sich. Nur sagen traut es sich keiner - außer Vermes, der schon.
Hitler 2011 ist ebenfalls eine Meister der Verführung und es bedarf dazu keiner großen Veränderungen. Vielmehr wird festgestellt, dass eine Gleichschaltung der Presse unnötig geworden ist. Die Presse darf sich hiermit abgewatscht wissen. Was ihm früher der Volksempfänger war, erledigt heute das "Internetz" (ein bisschen Deutschtum muss schon sein für Herrn Hitler, wenngleich er sich anpasst und die Bezeichnung seiner Internetseite als "Heimseite" ablehnt.). Dass das nicht zu weit hergeholt ist, zeigen "Hochkaräter" (Vorsicht: Ironie!) wie Justin Bieber. Der Weg zur Macht könnte ohne Bedenken "Hitler - Aufstieg des Bösen Vol. 2" genannt werden, genauso zielstrebig, mit den passenden Leuten an seiner Seite, mit den alten und sich leider bewährten Strategien.
"Er ist wieder da" ist keine Verherrlichung der NS-Vergangenheit. "Er ist wieder da" stellt ein hartes Urteil für die Gesellschaft dar, und stellt all die Aufarbeitungsbemühungen in Frage. Eine vermeintlich moralische Grenze zu überschreiten und gerade Adolf Hitler dieses Urteil fällen zu lassen, ist hier mehr als konsequent. Schon allein deshalb, weil sich die Allgemeinheit so sicher ist, dass "DAS" nie wieder passieren könnte. Aber es kann. Mit allen Konsequenzen.

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