Samstag, September 27, 2014

Nico Weinard: Chronik von Chiara I-III

Die "Chronik von Chiara" ist eine Reihe von relativ kurzen Erzählungen. Alle drei Bände zusammen haben gerade einmal 81 Seiten, sodass eine Würdigung des bisherigen Gesamtwerkes am sinnvollsten erscheint.

Band 1 umfasst gerade einmal 11 Seiten und wirkt wie eine kaum ausgebaute Idee. Wenn man die Länge der (Kurz-)Geschichte jedoch bemängelt, tut man ihr unrecht. Natürlich kann man sagen, dass es ein bisschen wenig sei, dass Chiara auf dem Heimweg aus einer Schenke von einem Vampir entführt und dann von ihm verwandelt wird. Aber Kurzgeschichten schmücken nicht sonderlich aus. Sie bieten Raum zur Interpretation. Das abrupte Ende ist natürlich für den Leser enttäuschend. Er möchte ja schließlich wissen, wie Chiara mit ihrem neuen, unsterblichen Leben umgeht. Band 1 ist für das Gesamtbild lediglich der Auftakt, gleich einem kurzen Prolog. Klar hätte man dieses und jenes noch ausführlicher schildern können. Wer die beiden Folgebände jedoch ebenfalls liest, wird einsehen, dass keine Notwendigkeit zu mehr Ausführlichkeit besteht. Man lernt Chiara kennen, erfährt auf kurzem Raum ihren Werdegang zum Vampir und basta.

Tatsächlich wird es erst ab Band 2 mit ebenfalls "nur" 19 Seiten spannend und tiefgründig. Auf den ersten Blick kann man sich in diesem Band wirklich fragen, welche perverse Neigungen der Autor im Geheimen hegen mag. Chiara wird von ihrem Schöpfer verstoßen und in einem Kerker gehalten. Hin und wieder bedient sich ihr Meister ihrer für seine perversen Spielchen, die restliche Zeit können drei Gnome Chiara nach Lust und Laune peinigen. Doch ihr gelingt am Ende die Flucht. Ich gebe zu, dass es bei mir erst klick gemacht hat, als ich den dritten Teil gelesen habe. Nico Weinard lebt in seinem Text keineswegs verborgene Perversionen aus. Er verpackt lediglich die Grausamkeit der Welt in seiner Erzählung. Ich zumindest fühlte mich an den Fall Josef Fritzl erinnert, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller gefangen hielt und vielfach missbrauchte. Sexuelle Verbrechen sind nicht so selten, wie man hoffen mag. Dieses heikle Thema auf's Tapet zu bringen, erntet meine vollste Anerkennung. Die heutige Spaßgesellschaft darf gerne daran erinnert werden, dass das Leben kein Ponyhof ist. Zugleich weist Episode zwei bereits auf das auch im dritten Band wichtige Gegensatzpaar hin: Macht vs. Unterdrückung.

Band 3 ist mit 51 Seiten der umfangreichste Teil der Reihe. Vordergründig verdingt sich Chiara als Schuldeneintreiberin und kann sich dabei in die Obhut eines anderen Vampirs begeben, der sie mit ihren Stärken als Unsterbliche vertraut macht. Doch als sie sich auf den Weg macht, um ihre ersten Aufträge zu erfüllen, erhält sie einen Einblick in das System, erkennt dessen Ungerechtigkeit und kämpft dagegen an.

Soweit könnte man das recht abstrakt formulieren. Muss man aber gar nicht. Die Bilder, die Nico Weinard zeichnet, sind eindeutig. In Episode 3 rechnet er mit dem politischen Gepflogenheiten der Gegenwartsgesellschaft ab. Spätestens, wenn ein Burgherr zwei seiner Türme abfackeln lässt, um dann dem paralysierten Volke den Nachbarn als Feind zu verkaufen, um einen Krieg anzuzetteln, muss der Groschen fallen (wobei ich mich auf keine Diskussion einlassen möchte, ob nun die USA ihr WTC selbst zum Einsturz gebracht haben). Gleichzeitig wird die Finanzkrise auf eine einfache Art und Weise erklärt, sodass sie auch ein Grundschüler versteht. Dabei wirkt die Erklärung jedoch keineswegs oberlehrerhaft. Die Sache ist einfach auf ihren Kern und die Wurzel allen Übels reduziert.

"Chronik von Chiara" kommt also erst einmal recht unscheinbar daher, man mag die erste Episode noch belächeln und sich fragen, worauf Nico Weinard eigentlich hinauswollte. Es würde doch nichts ausgesagt werden. Das Weiterlesen lohnt sich auf alle Fälle. Nico Weinard verpackt gekonnt hochpolitische Gesellschaftskritik, sodass das Thema auch für politisch Desinteressierte nachvollziehbar wird. Naja, vom 11. September und der Finanzkrise sollte man allenfalls schon einmal gehört haben (und wer damit gar nichts anfangen kann, bei dem ist Hopfen und Malz sowieso schon verloren). Gesellschaftskritik und Vampirroman schließen sich keineswegs aus. Im Gegenteil. Die Verknüpfung tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch, sondern bereichert es ungemein.

"Chronik von Chiara" ist in ihrer Vollständigkeit absolut lesenswert!

Erscheinungsdatum: April 2014 - August 2014

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