Sonntag, November 09, 2014

Amazon vs. Einzelhandel

"Amazon bezahlt seine Mitarbeiter schlecht. Daher ist Amazon ein Ausbeuter und man kann dem nur einen Riegel vorschieben, wenn man nicht mehr bei Amazon kauft." - So könnte man vielleicht eine These kurz zusammenfassen, wenn es darum geht, die Menschen davon zu überzeugen, wie "schlecht" Amazon ist und man einen weiten Bogen darum machen sollte.

Allerdings macht es einem der Einzelhandel zuweilen schwer, ihn Amazon vorzuziehen. Ich gebe zu, ich wähle den für mich einfacheren und vor allen Dingen stressfreieren Weg. Denn bei Amazon musste ich mich bisher kein einziges Mal mit einem Händler oder einem Mitarbeiter, der noch nie etwas von Kundenorientierung gehört hat, herumärgern. 

Ich war vor einer Weile in der Innenstadt unterwegs und habe die Spielwarenabteilung der Drogeriekette Müller besucht. Für Zwergnase habe ich eine Holzsteckbox für 17,99 Euro gekauft. Als ich sie auspackte, war die Enttäuschung groß. Der Deckel der Box konnte nicht fixiert werden, sodass die Steine beim Drehen sofort wieder heraus fielen. Die Verpackung gab darüber keinen Aufschluss und am Regal waren ja auch keine Kundenbewertungen einzusehen, aus denen ich diesen Umstand entnehmen hätte können. Allerdings war das nicht einmal das Hauptproblem der Box. Denn der Deckel hatte zudem einen Sprung im Holz, so nahe an einer Kante, dass man nicht sagen konnte, ob da nicht im nächsten Moment etwas absplittert. Mit nur leichtem Druck meinerseits, konnte man das Holz weiter spalten. Für mich war klar, damit kann ein Kleinkind nicht spielen. Die Gefahr von Holzsplittern ist zu groß. 

Ich habe das Teil also wieder verpackt und bin damit zwei Tage später in der Drogerie Müller an der Kasse gestanden, um es zurückzugeben. Die Kassiererin motzte mich an, dass ich damit in den 1. Stock müsste. Ich habe ob des Tonfalls die Augenbrauen hochgezogen und bin also in den 1. Stock. An der Kasse dort wieder eine genervte Kassiererin: "Ich nehm' das nicht zurück, da müssen sie in die Spielwarenabteilung!" - wieder Stirnrunzeln meinerseits. Kann ich ja nicht ahnen. In den meisten Geschäften werden Reklamationsfälle entweder an einer Kundeninformation oder eben an der Kasse abgewickelt. Also stand ich wenig später ratlos in der Spielwarenabteilung. Die ist groß. Es gibt auch viele Spielsachen. Eine Verkäuferin habe ich allerdings nicht erblicken können. Zusammen mit meiner Begleitung haben wir also die Nadel im Heuhaufen gesucht. Irgendwo im hintersten Eck stand dann eine anscheinend hochmotivierte Verkäuferin. Ich teilte ihr mit, dass ich meine Holzbox gerne zurückgeben möchte und warum. Ihre Antwort: "Naja, Holz arbeitet halt. Wegen des Sprungs ist die Box ja nicht kaputt." Meine Begleitung war schneller als ich mit einer schlagfertigen Antwort. "Dann hätte dieses Holz aber kein Spielzeug werden dürfen!" Meine Miene verfinsterte sich anscheinend merklich, als ich hinzufügte, dass ich mein Kind sicher nicht mit Holzsplittern spielen lassen werde. (Das war vielleicht in Hinblick auf den Zustand der Box etwas übertrieben, aber irgendwie musste man der Dame ja verständlich machen, dass ich sicher nicht mit dieser Box nach Hause gehe.) Schließlich lenkte sie ein. Ich solle mir was anderes aussuchen, worauf ich nach der Odysee bisher wirklich gar keine Lust hatte. Ich wählte Spielklötze aus Plastik aus und einen dazugehörigen Plastiklastwagen, musste wiederum nach der Verkäuferin suchen, um mit ihr dann an der Kasse zu warten, bis sie die Umbuchung vornehmen konnte. Völlig entnervt und gestresst verließ ich nach fast einer Stunde den Laden, um in Gedanken festzustellen, dass mir das bei Amazon nicht passiert wäre. Ich hätte den PC hochgefahren, hätte mir ein Retoureetikett ausgedruckt, den Artikel zurück in seine Versandverpackung gesteckt und das Paket dann meinem Mann mitgegeben, der es zur Post gebracht hätte. Fertig. Ohne mich auch nur einen Augenblick zu ärgern. Ohne auch nur auf eine gestresste Person zu treffen, die eine einfache Reklamation gleich als persönlichen Angriff wertet. Ohne groß und breit erklären zu müssen, warum ich den Artikel nicht behalten möchte.

In solchen Momenten frage ich mich, warum ich den Einzelhandel unterstützen soll. Mehr oder weniger ausgebeutet werden die Mitarbeiter auch dort. Dass Mitarbeiter zur Beratung bereit stehen, ist nur noch selten der Fall. Es werden immer weniger eingestellt, die immer mehr Arbeit in der gleichen Zeit erledigen müssen. Dass sie gestresst sind, kann ich durchaus nachvollziehen. Dass sie Reklamationsfälle von ihrer normalen Arbeit ablenken und aufhalten, auch. Warum ich das aber ertragen soll, wenn es für mich auch sehr viel einfacher geht, nicht. Um die Mitarbeiter in den Logistikzentren von Amazon zu unterstützen? Wenn ich da nichts mehr bestelle? Dann werden die eher noch ihren Job los, wenn die Umsätze so zurückgehen (würden). Wer fordert, einfach nicht mehr bei Amazon zu bestellen, macht es sich auch zu einfach. 
Und was ist mit meinem Recht und meinem Wunsch als Kunde, auch dementsprechend behandelt zu werden? Die Drogerie Müller wird mich so schnell nicht wiedersehen. Schließlich bezahle ich auch den höheren Preis, der mitunter durch Miete und Personalkosten zustande kommt. Wenn ich davon aber keinen Vorteil habe, warum soll ich dann im Einzelhandel kaufen?

Bildnachweis: FreeImages.com / Carin Araujo

Kommentare:

  1. Kauf mal beim Breuninger Hosen!

    Aufmerksame Verkäufer überschlagen sich mit Angeboten. Am Ende habe ich noch passende Hemden und Socken.

    Kann Amazon nicht! Und breuninger.de auch nicht!

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    1. Breuninger gibt's bei uns nicht. Aber Kleidung bestelle ich ohnehin nicht, sondern kaufe sie direkt im Laden. Da hab ich durchaus auch meine Geschäfte, wo dir gleich beim Reinkommen eine Verkäuferin zur Verfügung steht. Aber auch im Bekleidungssektor gibt es Unterschiede. Bei unserem örtlichen Modehaus Schötz erhältst du eine Top-Beratung und -Bedienung. Bei Wöhrl, die die gleichen Marken führen, wollen dir die Verkäuferinnen direkt vor der Kasse noch schnell ihre Provisionsaufkleber andrehen. Von Beratung und Bedienung jedoch keine Spur.

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