Donnerstag, April 02, 2015

Im Autoreninterview: Jutta Ahrens und Hans-Peter Braun über Marketingstrategien für Selfpublisher

Kürzlich habe ich ja meine Überlegungen zur Festsetzung der E-Book-Preise gepostet. Auf g+ ergab sich dann ein wunderbarer Austausch mit Hans-Peter Braun über verschiedene Marketing-Strategien für Selfpublisher. Daher habe ich das Autoren-Gespann zum Interview geladen, um den vorherigen Artikel um echte Autorenerfahrungen zu ergänzen.

Jutta Ahrens darf man wohl schon zu den erfolgreichen Selfpublishern zählen. Erstens kann sie eine bereits beachtliche Reihe von Titeln vorweisen und andererseits ist es dem Autorengespann nach eigener Aussage möglich, vom Schreiben zu leben – das Ziel eines jeden Selfpublishers.

Liebe Jutta, lieber Hape, vielen Dank, dass ihr euch Zeit für das Interview bei mir nehmt!

Machen wir doch gern!

Auf Juttas Blog habe ich bereits einige Einträge zum Thema Selfpublishing gefunden. Kurz und knapp: Wie verbreiten sich eure Neuerscheinungen am effektivsten? Worauf sollte jeder Selfpublisher achten?

Jutta:
Als Selfpublisher sollte man genauso professionell an die Bücher herangehen wie ein Verlagsautor. Denn wer seine Sachen anbietet und Geld dafür verlangt, dem ist das zuzumuten. Aber man sollte es auch der eigenen Selbstachtung wegen tun.
Hape und ich haben uns nach mehreren Versuchen entschieden, unsere Bücher ausschließlich bei Amazon und KU anzubieten, weil Amazon u.E. die beste Plattform für eine Vermarktung bietet. Bei Neuerscheinungen hat es sich für uns bewährt, ein Buch zur Einführung erst einmal mit 0,99 Cent einzustellen. Mit dem späteren Preis von vielleicht 3,99 € kommt man als Nicht-Bestsellerautor schwer nach oben, also in die ersten 100 bei Kindle. Den korrekten Preis kann man dann später nach Belieben einsetzen. Wir posten unsere Neuerscheinungen auch in Facebook und google+. Wie weit diese Posts zu einem besseren Verkauf beitragen, ist aber fraglich. Sie können das Buch wahrscheinlich nur anstupsen.

Hape:
Seit Einführung der Kindle Unlimited Leihbücherei (KU) im Oktober 2014 stellt sich für jeden Autor die Fage: Soll man sich möglichst breit aufstellen und über Distributoren möglichst viele Online-Shops beliefern, oder soll man sich mit Leib und Seele Amazon verpflichten und bei KDP-select und der KU mitmachen – beides gleichzeitig geht nicht, weil Amazon für KDP-select Exklusivität verlangt. Jutta und ich haben uns für Letzteres entschieden, weil die Ausleihen ebenfalls Geld bringen, vor allem aber, weil sie genau wie Verkäufe das Buch in den Rängen steigen lassen.
Sind uns die Tolino- und Kobo-Besitzer deswegen egal? Nein, unsere Kindle-eBooks sind alle DRM-frei, d. h. jeder kann und darf sie sich legal (!) in das gewünschte Format umwandlen – mit der eBook-Verwaltungssoftware "Calibre" ist das ein Kinderspiel. Aber wenn jemand Vorbehalte hat, bei Amazon zu kaufen? Tja, es ist nicht unsere Sache, auf die Ideologien der Leser Rücksicht zu nehmen. Ja, Amazon ist ein großes Ärgernis für Verlage – aber nicht für Autoren! Wer also Verlage unterstützen will, der sollte Amazon meiden. Wer Autoren unterstützen will, der tut ihnen einen Gefallen, wenn er bei Amazon kauft, denn dort bekommen Autoren die günstigsten Konditionen. Vielen Lesern scheint das nicht bewusst zu sein …

Vielen Autoren tut es geradezu in der Seele weh, ihre Romane für 99 Cent „zu verschleudern“. Wie steht ihr zu solchen Aktionen und was würdet ihr anderen Selfpublishern raten?

Jutta:
99-Cent-Preise kommen für uns nur für eine begrenzte Zeit infrage, um den Verkauf anzukurbeln und die Bekanntheit zu erhöhen. Gleiches gilt auch für den ersten Band einer Serie. Das würden wir auch anderen Selfpublishern raten. Auf die Dauer kann man eigentlich nur für "Heftchen", also 60-70-Seitenbücher, so wenig verlangen, weil viele Leser  hinter dem billigen Preis oftmals Schund vermuten.

Hape:
Amazon funktioniert über Listen: Die Top-100 kennt jeder, vielleicht auch die Neuerscheinungsliste, aber es gibt z. B. eine Liste mit 0,01-1,99 € oder eine mit Büchern unter 5 € usw. In möglichst vielen von diesen Listen aufzutauchen, heißt die Sichtbarkeit zu erhöhen – und damit die Verkaufzahlen. Dafür nehmen wir gern kurzfristige Umsatzeinbußen hin.

Immer wieder werden auch illegale Plattformen entdeckt, auf denen E-Books kostenlos geladen werden können. Der Aufschrei der meisten Selfpublisher ist dann groß. Sie sehen nur den Verlust etwaiger Einnahmen. Doch ich weiß bereits, ihr seht dem Treiben auf diesen Plattform recht gelassen zu. Würdet ihr mir eure Gedankengänge dazu erläutern?

Jutta:
Unsere Bücher haben wir da auch schon entdeckt, und sie werden wohl auch heute dort zu finden sein. Da wir bereits Tausende von eBooks verschenkt haben, stört uns das wenig. Ganz im Gegenteil: Diese Bücher machen für uns Werbung, denn sie sind in der Welt. Autoren, die dort zu finden sind,  sollten sich eher geschmeichelt fühlen. Leser, die sich dort eindecken, kaufen ohnehin nichts, können aber Mundpropaganda machen. Oder sie schauen doch noch nach anderen Büchern von uns, die sie nicht bei den Raubkopierern gefunden haben. Mit anderen Worten: Keinem Autor entgeht durch diese Plattformen ein ernsthafter Käufer. Doch selbst wenn, nützt das Jammern nichts, denn man kann wohl nichts dagegen tun.

Hape:
Man sollte sich vor Augen halten, dass nicht in erster Linie der Autor Werbung für das Buch machen sollte, sondern das Buch macht Werbung für den Autor. Man kann, wenn der eigene Name schon bekannt ist, weitere Bücher viel leichter und besser verkaufen. – Ken Follett macht es vor, auch seine Bücher sind alle raubkopiert, aber er ist immer noch nicht verarmt.

Damit rechtfertigt ihr auch eigentlich „Kostenlos“-Aktionen, oder nicht? Wie sollte ein Selfpublisher am besten vorgehen, wenn er diesen Schritt wagt? Ist die Gefahr nicht zu groß, dass das eigene Book bei einem Kostenlose-E-Books-Sammler auf dem Gerät versauert?

Jutta:
Ja, die Gefahr besteht, aber was heißt schon versauern? Irgendwann wird er es wohl lesen, dann kommt die Aufmerksamkeit für unsere Bücher eben erst etwas später. E-Books sind ja nicht nur ein halbes Jahr aktuell, wie die meisten Printbücher, bevor sie bei ALDI verramscht werden.

Hape:
Macht es denn einen soo großen Unterschied, was ein Buch gekostet hat? Stellen wir uns das Bücherregal eines Viellesers vor: Dort liegen bisher ungelesene Bücher von allen möglichen Autoren herum und starren ihren Besitzer vorwurfsvoll an: "Lies mich endlich!", scheinen sie zu rufen. Ob das Buch zu Weihnachten geschenkt wurde, ob es auf dem Flohmarkt oder bei Rebuy billig ergattert wurde oder ob es gar nur geliehen ist, spielt genauso wenig eine Rolle wie der Ladenpreis, den es einst gekostet hat – der ist längst verschmerzt. Und bei eReadern ist es ganz analog: Das Buch liegt auf dem Reader und will gelesen werden – an den Preis erinnert sich der Leser kaum. Handelt es sich um ein kostenloses eBook von Jutta Ahrens oder ein gekauftes von einem Bestseller-Autor – beide wollen gelesen werden. Bleibt die Frage, wie ein unbekannter Self-Publishing-Autor sich einen Platz neben Bestseller-Autoren in den SUBs erobern kann: Unserer Meinung nach eben durch Kostenlos-Aktionen!
Ganz abgesehen davon hinterlässt der Download Spuren in den Listen bei Amazon: "Kunden, die dieses Buch gekauft haben, kauften auch …" Und nach einer Kostenlosaktion steigt das Buch in den Rängen, weil der Amazon-Algorithmus offenbar Bonuspunkte auch für kostenlose Bücher verteilt.

Immer wieder stoße ich auch auf dauerhaft kostenlose Titel. Ich traue ihnen inzwischen schon oft mehr über den Weg. Viele sind schlecht. Wie steht ihr zu „perma-free“-Angeboten?

Jutta:
Mit Permafree könnten ähnliche Auswirkungen wie Kostenlosaktionen beabsichtigt sein. Aber ich persönlich glaube, dass ein dauerhaft kostenloses Buch nicht mehr wirkt. Das wird dann ebenso im Orkus verschwinden wie eins, das etwas kostet. Wie schon oben erwähnt: Kostenlos wird oft mit Schund gleichgesetzt und ist es häufig auch. Wer nur so aus Hobby schreibt und nichts außer ein bisschen Feedback erwartet, der kann es natürlich tun.

Hape:
Bei Permafree-Büchern nutzt sich der Effekt sehr schnell ab und die Downloadraten sinken. Auch werden oft erste Teile von Reihen und XXXXXXL-Leseproben kostenlos angeboten. Ich denke, die Kunden fühlen sich von solchen "Ködern" mittlerweile veräppelt.

Was ist sinnvoller? Sein Buch bei kindle unlimited anbieten oder Tassen und Lesezeichen verlosen?

Jutta:
Ich habe mit Tassen, Lesezeichen u.ä. keine Erfahrungen und werde auch keine machen. Für mich sind das Kinkerlitzchen, aber das muss jeder selbst wissen. Man erreicht ja mit diesen Dingen nur eine begrenzte Fanbase, die dann im eigenen Saft schmort, und gewinnt keine neuen Leser hinzu. Es ist m.E. etwas für Autoren, die Streicheleinheiten von ihren Lesern brauchen. Auf alle Fälle würde ich KU empfehlen.

Hape:
Naja, das ist ja eigentlich kein Gegensatz, man könnte locker beides tun. Tassen, Lesezeichen und anderer Schnickschnack sollen den Lesern wohl einen Mehrwert bieten und sie zu Fans machen. Aber wenn ein Buch schon in den Augen des Autors nicht vollwertig ist und durch Gimmicks und Gadgets "aufgewertet" und zum "(ganzheitlichen) Erlebnis" stilisiert werden muss, dann läuft in meinen Augen schon von vornherein ein Rad im Dreck, sorry. (Ich weiß, dass spätestens jetzt manche Autorin hyperventiliert, aber die meisten Leser werden mir recht geben – und um die geht es!)

Welche Plattformen empfehlt ihr zum Erreichen einer „Fan-Base“? Wie geht man am besten vor, um viele Leute zu erreichen?

Jutta:
Wir wünschen uns aufmerksame und interessierte Leser, keine Fanbase. Alle Leser, die unsere Bücher kaufen, werden – wenn ihnen unsere Bücher gefallen haben – Fans auf Zeit. Wir benötigen keinen Hofstaat. Ein Ken Follett hat Millionen von begeisterten Lesern. Das ist die Fanbase, die auch wir uns wünschen. (Hape:Sprich nur für dich selbst, Jutta, ich bin nicht ganz so vermessen, hihi.) Wenn uns ein Leser persönlich kontaktiert, freuen wir uns natürlich sehr. Aber wir helfen nicht nach mit Blümchen oder Parfümproben etc.
Für eine Neuerscheinung kann eine Fanbase zwar einen guten Anschub bieten und gleich ein, zwei Tage später haufenweise 5-Sterne-Rezensionen schreiben (hat hier jemand was von Gefälligkeitsrezensionen gesagt?). Das wäre ein Vorteil, das gebe ich zu. Aber dafür muss man sehr viel Arbeit investieren für Leser, die sehr bald schon alle meine Bücher kennen. Wir möchten vor allem neue Leser gewinnen, denn das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Hape:
Ich sehe es so: Man predigt den Bekehrten. Wie in der Kirche, wo die ohnehin schon Gläubigen jeden Sonntag aufs Neue indoktriniert und auf Kurs gebracht werden (weil die frohe Botschaft offenbar nicht länger hält als eine Woche), so wird eine Fanbase – hauptsächlich bei Facebook – immer und immer wieder auf dieselbe Autorin und dieselben Bücher eingeschworen.
Ich habe da eher einen missionarischen Ansatz: Ich suche die Ungläubigen (d. h. neue Leser). Wie das geht? Google+ ist da viel flexibler als Facebook, denn dort muss man keine Freundschaftsanfragen stellen, die möglicherweise abgelehnt werden, was oft zu Facebook-Sperren führt. Auf g+ kann (und soll man sogar) willkürlich fremde Menschen in seine Kreise aufnehmen, also ihr Follower werden. Wenn man Glück hat und interessante Beiträge postet (nicht dauernd Bücherwerbung!), dann wird auch zurückgefolgt (ganz wie bei Twitter). Dieses System ist für Autoren wie geschaffen, aber leider tummeln die sich lieber auf Facebook und schmoren mitsamt ihren 17,5 Fans im eigenen Saft … Oder eben die Listen bei Amazon: Wer es klug anstellt, der kann sich auf Amazon mit Aktionen (wenigstens zeitweise!) etwas nach vorne schieben, in die Sichtbarkeit. Mit jedem neuen Buch wird es leichter.

Und zu guter Letzt: Was sind eurer Meinung nach die größten drei Fehler, die ein Self-Publisher machen kann?

Jutta:
Fehler Nr. 1: "Ich kann schreiben, was und wie ich will, weil ich SP-Autor bin. Ich muss weder die deutsche Sprache beherrschen noch Rechtschreibung oder Grammatik. Ich brauche auch keine Ahnung von einem Plot, von einer Prämisse, vom  logischen Aufbau und von einem Spannungsbogen zu haben. Ich schreibe, weil es aus mir raus muss. Das kann mir keiner verbieten. Aber Geld möchte ich schon dafür."
Fehler Nr. 2: Sich von falschen Leuten hinsichtlich Marketing beraten lassen. Und die Ratschläge von den richtigen Leuten nicht annehmen.
Mit einiger Erfahrung und nach ein bisschen Ausprobieren wird man bald die Spreu vom Weizen trennen können.

Hape:
Fehler Nr. 3: Aufgeben! Selten ist jemand schon mit seinem Debut-Roman berühmt geworden. Niemand hat auf das Erstlingswerk eines unbekannten Autors gewartet. Ein Buch ist ein unverlangtes Angebot an die Leser. Die Leser bestimmen, ob sie es lesen wollen, und wenn ja, zu welchem Preis. Niemand hat gesagt, dass man für die viele Mühe beim Schreiben sofort gerecht entlohnt wird – man muss dicke Bretter bohren, um sich einen Platz im Olymp der Top-100-Autoren zu verschaffen. Das Geld kommt nach dem Erfolg von allein. Das vorrangige Ziel sollte sein, nach oben in den Rängen zu kommen und Sichtbarkeit und Bekanntheit zu erlangen.

Vielen lieben Dank für eure ehrlichen und ausführlichen Antworten. Ich bin froh, auch mal Autoren zu treffen, die aus ihren Marketing-Strategien kein Geheimnis machen! Und nun … werde ich mich an „AnamarnasProphezeiung“  machen  – euren jüngsten Vampirroman!

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