Freitag, Juni 05, 2015

[Rezension] Interessante Idee, die mich nicht fesseln konnte: Relictio (Jacob Nomus)


Obwohl "Relictio" sehr viel zu bieten hat, was die Feinheiten der Handlung angeht, konnte es mich nicht fesseln. Ja, ich habe ganze Passagen überblättert.

Der Inhalt ist schnell umrissen. Philipp und Daniel erhalten 14 Tage Zeit, um eine Arbeit über Dante und Giordano Bruno, einem Ketzer, zu verfassen. Während Philipp die philosophischen Schriften Brunos studiert, will Daniel Erkundigungen über Dantes Höllenkreise aus der göttlichen Komödie einholen. Dabei landet dieser zuerst in einem Forum und schließlich in einem Online-Spiel namens Relictio, in dem er sich letztendlich von einem Höllenkreis zum nächsten begibt und irgendwann tiefer festsitzt, als ihm lieb ist.

Die Idee, philosophische Erkenntnisse nicht nur über das Studium alter Texte zu gewinnen, sondern auch über ein Computerspiel hat mich erst einmal angesprochen. Philosophische Schriften als Ausgangslage für einen Roman zu verwenden, ebenso. Der Roman verschloss sich mir aber bereits auf den ersten Seiten und ich konnte mich nicht mehr dafür begeistern. Daran änderten auch die kleinen und großen Verknüpfungen nichts, die zeigen, dass der Autor Ahnung von seinem Konzept hat. Allerdings habe ich zum Beispiel selten eine so umständliche Personenbeschreibung gelesen. Die Personifikation des kaum vorhandenen Bartwuchses Philipps und die Ergründung dessen Ursache haben mich einfach nur den Kopf schütteln lassen, so unnütz erschien mir die Passage beim Lesen. Natürlich habe ich aber mit dem Fortschritt des Romans und der Erörterung von philosophischen Thesen die Metapher in der Schilderung erkannt. Aus demselben Grund wird auch das Innenleben einer Chipstüte peinlich genau geschildert. Aber als die Erkenntnis mich mit der Stärke einer Feder traf, war ich nicht gewillt, nochmals zurückzublättern, um die Passagen in einem anderen Licht lesen zu können. Ähnlich erging es mir auch mit dem Epos, das Daniel in dem Spielforum passend zu seinem Feldzug gegen die Thorgs verfasst. Daniel startet einen Angriff und schreibt im Anschluss daran eine Geschichte dazu. Denn als einer von wenigen Spielern vermag er sich das Spiel wirklich vorzustellen. Er sieht nicht nur Zahlen, die Erfolg und Misserfolg anzeigen. Daniel sieht das Leid und Elend der fiktiven Bevölkerung, die sich im Krieg befindet - zumindest war das mein Eindruck nach den ersten paar Zeilen der ersten Episode. Den Rest habe ich nämlich gar nicht gelesen, obwohl mir irgendwann klar wurde, dass in diesen Passagen mit Sicherheit die philosophischen Thesen aufgearbeitet und verstrickt werden. Ja, wahrscheinlich habe ich mich beim Lesen sogar nur auf die Rahmenhandlung beschränkt und der eigentliche Kern wurde von mir gar nicht erfasst. Das kann gut möglich sein. Aber ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen, Daniels Epos durchzulesen, nachdem ich schon wusste, dass diese und jene Schlacht gewonnen wird. Es hat mich einfach nicht interessiert. Ich hatte auch nicht die Muße, Philipps mathematischen Überlegungen durchzudenken, obwohl ich dafür durchaus in der der Lage wäre.

Insgesamt würde ich sagen, dass ich das Potenzial dieses Romanes durchaus erfasst habe, er aber schlichtweg nicht meinen Geschmack trifft. Aus demselben Grund lese ich eben auch keinen Dan Brown. Ist halt nicht meins. Deshalb kann ich auch keine Leseempfehlung geben - also weder ab- noch zuraten. "Relictio" fällt viel mehr in die Sparte "Geschmackssache" als andere Romane, denn man muss schon die Bereitschaft mitbringen, anspruchsvolle Thesen mit- und durchzudenken. Dabei darf einen der stark hypotaktische Satzbau nicht stören und auch nicht, dass so manche Aussage nicht zu einem 17-Jährigen passen will. Aber das nur am Rande. Ich für meinen Teil bin wohl momentan nicht auf solche Kost eingestellt. Zur Zeit lese ich lieber leichte Unterhaltungsliteratur. Dafür kann Jacob Nomus natürlich nichts und vielleicht habe ich ja später einmal, wenn der Sommer vorbei ist und die Tage ebenfalls dunkel sind, mehr Lust, mich erneut in die Auseinandersetzung mit den Höllenkreisen und durchspielten Nächten am PC hineinzudenken.

Erscheinungsdatum: Februar 2015

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen