Dienstag, Juli 14, 2015

[Rezension] Wenn aus dem Bild Realität wird - Gebrannte Kinder (Inca Vogt)

Inca Vogts "Gebrannte Kinder" handelt von Kindesmissbrauch und wirft die Frage nach Opfer- und Täterrolle auf. Handelt ein Täter recht, wenn er frühere Täter bestraft, deren Opfer er war? Wenn die Justiz versagt hat? Lässt sich Selbstjustiz legitimieren? Welche Rolle nimmt die Öffentlichkeit dabei ein? Fragen, mit denen sich auch die beiden Protagonistinnen Toni und Chris beschäftigen müssen, als sie Inca Vogt auf den "Racheengel" ansetzt, dessen Opfer eines verbindet - das Symbol für Unendlichkeit, auf immer und ewig ins Fleisch gebrannt.

Für Sensibelchen ist "Gebrannte Kinder" sicher nichts, aber da wird man die wenigsten Thriller empfehlen können. Auch wer meint, dass man dieses Thema nicht in einem Roman verarbeiten dürfte, sollte die Finger davon lassen. Wobei. Vielleicht sollte der Thriller dann erst recht zur Hand genommen werden. Denn es ist bemerkenswert, wie Inca Vogt mit dem Thema umgeht. Sie weiß genau, wie sie Nähe und Distanz einzusetzen hat. Die Autorin verführt den Leser ein klein wenig. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob ich eine Aufklärung der Morde möchte, dass dem Täter, der auch ein ungehörtes Opfer war, überhaupt das Handwerk gelegt wird - Grausamkeit bei den Taten hin oder her. Doch Inca Vogt bezieht letztendlich doch Position und lässt ihn doch noch zum kranken und wahnsinnigen Täter werden. Damit wird dem Leser ein Stück weit die Entscheidung über Recht und Unrecht abgenommen. Er kann sich guten Gewissens gegen den Täter stellen. Aber in einem Rahmen, mit dem man leben kann. Muss die Vita des Täters bei einer Beurteilung berücksichtigt werden und wenn ja, in welchem Ausmaß? Der Leser darf sich selbst darüber den Kopf zerbrechen. Inca Vogt schwingt sich nämlich keineswegs zur moralischen Instanz auf, die über Recht und Unrecht steht. Sie kennzeichnet dies auch durch eine Sprache, die oft sachlich distanziert gehalten ist. Geradezu protokollarisch werden Abläufe und Zusammenhänge festgehalten, neutral und wertfrei. Zu emotionslos für dieses schwere Thema? Keineswegs! Im Gegenteil, Emotionslosigkeit ist erforderlich, um sachlich zu bleiben, um die Schwierigkeit in der Beurteilung erfassen zu können. Und selbst dann bleibt es schwierig. Denn bei denen, die hier verbrannt werden, trifft es keine falschen. Aber richtig fühlt sich das Ganze auch nicht an.

Der Roman weist keine Leerläufe an, es zieht einen unweigerlich weiter. Die beiden Protagonistinnen sind einem recht schnell sehr sympathisch, gerade die quirlige Italienerin Toni, deren Familie ein Faible für seltsame Tiernamen hat. Gerade die Hunde mit den Namen Lassdas, Pizza und Pasta sorgen da für Aufheiterung, was auch ungemein wichtig ist, um den Roman zwischendurch aufzulockern. Durch die verschiedenen Biografien ihrer Figuren zeigt Inca Vogt auf, wie unterschiedlich Traumata aus der Kindheit verarbeitet werden können - es gibt keinen Freifahrtsschein für Opfer, sich zum Täter aufzuschwingen. Manche Charaktere bedienen zwar ausschließlich die Dramaturgie des Romans, um die Identität des wahren Täters zu verschleiern, aber das stört nicht - der große Überraschungsmoment fand für mich dann zwar auch nicht statt, aber das war in der Gesamtheit des Romans auch nicht weiter schlimm. Er hat mich auch so genug gefesselt. Auch die Begründung, warum es gerade das Symbol der Unendlichkeit hat sein müssen, fand ich nicht ganz überzeugend, andererseits spielt es eigentlich aber auch keine Rolle, warum also darauf herumreiten.

"Gebrannte Kinder" ist ein Roman, den ich unbedingt weiterempfehlen möchte. Hier beherrscht jemand das Handwerk und man wird in über 500 Seiten gefesselt und ordentlich "gethrillt". So soll es sein!

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