Montag, August 17, 2015

[Interview] Ungewöhnliche Romane - spannender Gast: Udo Kübler

Schon lange habe ich nicht mehr zum Interview geladen. Da wird es aber höchste Eisenbahn. Deshalb habe ich mir Udo Kübler zur Brust genommen. Seine Romane waren in letzter Zeit die ungewöhnlichsten, die ich gelesen habe und um so mehr hatte ich das Bedürfnis, ihm auf den Zahn zu fühlen. Ich muss einfach wissen, ob ich mit meinen Vermutungen richtig liege.

Lieber Udo, schön, dass du bei mir vorbei schaust!

Ich habe dich in meiner ersten Rezension zu deiner Anselmo-Trilogie als Chuck Norris unter den Autoren bezeichnet, weil nicht du die Handlung, sondern die Handlung dich als Autor braucht. Das ist eine eher ungewöhnliche Kombination. Wie bewusst hast du dich dafür entschieden, NICHT den allgemeinen Romanregeln zu folgen?

Ich habe mich ganz bewusst gegen alle Standards entschieden, denn mir ging es von Beginn an weniger darum, einen Roman oder was auch immer zu schreiben, als einfach drauflos zu erzählen. Deshalb ja auch von Beginn an dieses Konzept, dass es kein Jonathan Simpson-Universum gibt, sondern jede Geschichte in einer eigenen Wirklichkeit spielt, die sich von allen anderen Wirklichkeiten anderer Geschichten, grundlegend unterscheiden kann. KANN, nicht MUSS! Das ist eines von mehreren Hintertürchen, die ich mir offen gelassen habe, um überhaupt schreiben zu können. Denn die Lücken zwischen zwei Schreibsitzungen können bei mir, aus Zeitgründen, ganz erheblich sein. Da ist man froh, wenn es nicht zu viel MUSS gibt, auf das man immer wieder achten muss.

Wieviel der Rahmenhandlung hast du im Kopf, wenn du Jonathan hinaus in die Welt schickst.

Extrem wenig. 
In aller Regel weiß ich zu Beginn nicht viel mehr als den ersten Satz. Alles weitere ergibt sich dann aus dem Augenblick heraus spontan.

Beim Lesen der Trilogie stoße ich immer wieder auf Szenen, die mich sehr an Action-Filme erinnern. Verzeih mir meine Frage – sie kann auch nur von einer Frau gestellt werden: Warum waren dir die Actionszenen so wichtige UND welchen Film sollte man unbedingt gesehen haben?

Das ist ja eine lustige Frage! Aber sie ist auch Beleg dafür, wie genau du beobachtest und analysierst. Denn diese Action-Szenen symbolisieren für mich immer wieder, wie viel mehr in jedem von uns - oft völlig unbemerkt - schlummert. Da gibt es Fähigkeiten, die man bei sich selbst oft gar nicht vermutet hätte. Ich selbst habe das in meinem langen, bewegten Leben immer und immer wieder erlebt. Das sind tolle Momente - die einem allerdings nur begegnen können, wenn man bereit ist, sich blind auf sich selbst zu verlassen. Meistens werden wir ja durch Unsicherheit daran gehindert.
Vorlagen aus Action-Filmen gibt es dafür eigentlich eher nicht. Obwohl, einen könnte es da vielleicht doch geben: „Kopfüber in die Nacht“ oder „Into the Night“, wie er im Original heißt. Ein grandioser Film mit Michelle Pfeiffer und Jeff Goldblum, in dem der an Schlaflosigkeit leidende Goldblum ziellos durch die Nacht fährt und in einer Tiefgarage zufällig die Pfeiffer rettet, hinter der ein Killertrupp herjagt, weil sie die Mafia um eine ziemliche Ladung Heroin erleichtert hat. Beide sind völlig unbeschlagen und naiv und legen auf kuriose Weise dennoch die ganze Mafia auf's Kreuz. Und dazu noch die wunderbare Filmmusik, mit dem Titelsong von B.B. King … Einer meiner absoluten favorits!
Ja, je länger ich überlege: das ist die Atmosphäre von Jonathan Simpson! Wobei Jeff Goldblum doch um einiges phlegmatischer ist, als Jonathan Simpson – aber mindestens genau so überrascht, wie der …

Mit Jonathan hältst du regelmäßig Zwiegespräche und ich bin ein ausgesprochener Fan davon. Aber warum findet man sie in den Romanen? Welche Absicht verfolgst du damit?

Diese Antwort ist sehr einfach: Als ich mit meiner ersten Geschichte fertig war, hatte ich das unbedingte Gefühl, dass man das so nicht unkommentiert stehen lassen kann. Ich meine, was muss denn ein Leser denken, wenn man ihn hunderte Seiten mit Dingen konfrontiert, die Lichtjahre davon entfernt sind eine „normale“ Geschichte darzustellen? Da hat er doch wenigstens das Recht, zu wissen, dass der Autor durchaus weiß, um diese Unverschämtheit – und dass sich zwar der Protagonist deshalb für ihn schämt, er selbst dies aber ablehnt. Dann weiß doch der Leser wenigstens, dass er nicht verarscht werden sollte, sondern der Autor eben etwas neben der Spur ist. Inwieweit sich der Leser dadurch tatsächlich besser fühlt, weiß ich nicht. Ich selbst allerdings, fühle mich durchaus besser dadurch.

Ich finde deine Cover schrecklich, wenngleich natürlich zu deinen Büchern passen – sie sind anders und irgendwie so… 80er? Liege ich damit richtig? Zeigen sie die Verbindung zu deinen Vorbildern an – ein gewisses Genre?

Nein, da liegst du ausnahmsweise mal völlig falsch. Die sind einfach so schrecklich, weil sie schrecklich sind. Weil keiner meiner Grafiker in der Agentur Bock hatte für mein Geschreibsel ein Artwork zu erstellen, hab ich sie halt selbst gemacht. Wichtig für mich war, dass sie einerseits eine „Handschrift“ haben und andererseits auch in schwarzweiß auf dem Kindle noch zu erkennen und zu identifizieren sind. Und Vorbilder – was Covergestaltung angeht – habe ich keine. Weder in den 80ern, noch in einem Genre …

Vor Kurzem hast du die Kurzgeschichte „St. Peter’s callin‘“ veröffentlicht. Sind denn aber noch weitere Jonathan Simpson-Romane geplant?

Und wie! In Arbeit befindet sich gerade – seit etwa eineinhalb Jahren oder so – ein besonders opulentes Werk, bei dem ich mich in allen Belangen selbst übertreffen werde …
Kurioserweise hat mich dazu Jonathan Simpson selbst überredet. Und zwar höchst raffiniert! Nachzulesen im „Thelma's“-Teil von „Wanderer zwischen den Welten“, dem vierten Teil der ANSELMO-TRILOGIE, den ich übrigens in jeder Hinsicht für das vorläufig Beste halte, was mir bisher aus der Feder gelaufen ist.
Das opulente Werk in der Mache, von dem ich sprach, heißt derzeit noch „Im Schatten des Inca“ und soll vom Genre her eher Steam Punk sein. In jedem Fall aber wird dieser Roman wohl diese Bezeichnung sogar zurecht tragen, da es sich tatsächlich um eine Handlung im eigentlichen Sinn handelt. Man darf also ruhig gespannt sein …

Mit „St. Peter ‘s Callin'“ habe ich allerdings meine Liebe zur Kurzgeschichte neu entdeckt. Für eine Anthologie einer FB-Gruppe, zu der ich einfach hinterrücks eingemeindet wurde, schrieb ich vor kurzem eine sehr putzige Geschichte mit dem Titel „Karaoke in Pto. Pollença“ und dann eben jetzt gerade „Die Legende von Major Tom – Teil 1, wie alles begann“, mit der ich mich im Ranking auf einem guten Platz im hinteren Viertel, des Wettbewerbs „Kurzgeschichte des Monats“ des Autoren_Netzwerks tummle. Geplant ist eine Kurzgeschichte mit dem vorläufigen Titel „Die verrückteste Geschichte überhaupt“, in der mal wieder einer der Kollegen aus dem Autoren_Netzwerk mitspielen wird. Darauf freue ich mich schon sehr …

Lieber Udo, vielen Dank für die Zeit, die ich mit dir verbringen durfte! Ich freue mich auf viele weitere Texte von dir!

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