Donnerstag, Oktober 22, 2015

[Diskussion] Die Überschätzung der Wertschätzung

Bild: FreeImages.com / J Miller
Lina ist beleidigt. Ihr Chef hat sie angebrüllt, weil sie jedes i in den wichtigen Kundenakten mit einem Herzchen verziert hat. Dass sie dafür mehrere Monate gebraucht hat, hat er gar nicht erwähnt. Sie findet, dass er ihre Arbeit überhaupt nicht schätzt.

Immer öfter begegnet mir das große Wort der Wertschätzung. Meist in dem Zusammenhang, dass es eine Wertschätzung ja gar nicht mehr gäbe. Meist in dem Zusammenhang, wenn sich Autoren über mittelmäßige oder schlechte Bewertungen aufregen. Man habe ja schließlich Monate oder Jahre seines Lebens investiert, verschleudere sein geistiges Eigentum zum Dumping-Preis von 2,99 Euro bei Amazon und dann kann der blöde Leser sich nicht einfach freuen, sondern muss auch noch meckern. So ein Depp!

Ich frage mich dann stets, ob man Arbeit also immer wertschätzen muss? Egal, ob sie gut oder schlecht ist? Wir haben eben Handwerker im Haus, die neue Fenster einbauen. Die Handwerker werden bezahlt. Sie werden bezahlt, dass am Ende die Fenster ordnungsgemäß eingebaut sind. Es weder hereinregnet oder zieht. Dafür werden sie bezahlt. Aber wenn es dennoch tropft oder zieht und ich reklamiere, dann darf mir der Handwerker entgegenhalten, dass er sich ja schließlich die Arbeit gemacht hätte, die neuen Fenster bis unters Dach zu tragen und zumindest so einzusetzen, dass es nach außen hin aussieht, als wären es richtig eingebaute Fenster. Er war ja schließlich da! Das muss doch reichen! Er sei ja schließlich auch den ganzen Tag geblieben.

Ein Autor verlangt aber genau das von mir als Leser. Dabei habe ich ihn ja nicht einmal beauftragt! Ich habe ihn nicht dazu gezwungen, Monate oder Jahre am Schreibtisch zu sitzen. Mir als Leser ist das Endprodukt wichtig. Das Endprodukt muss passen. Je nach Marktlage ergibt sich dann ein Preis, den der Leser bereit ist zu zahlen. Nicht lukrativ genug? Dann muss man sich wohl eine andere Sparte suchen.

Es ist dem Leser egal, wie lange die Arbeit an einem Buch gedauert hat. Es ist nicht seine Schuld, wenn der eine Autor Jahre für ein mittelmäßiges Buch braucht, während der andere vierteljährlich einen Bestseller raushaut, der sich eben um Längen besser liest.

Es ist dem Leser egal, ob Lektorat, Korrektorat und Cover selbst gestaltet worden sind. Das Endprodukt muss passen. Und wenn all diese Punkte nur mittelmäßig sind, steht es ihm zu, das auch zu sagen. Er bezahlt schließlich dafür - den Preis, der sich eben aus Angebot und Nachfrage ergeben hat. Das nennt man Markt. Wenn es viel gibt, zahlt man wenig. Gibt es wenig, zahlt man mehr. Das gilt auch bei Büchern. Warum sollte dieses Prinzip am Buchmarkt nicht gelten?

Viele verstehen unter Wertschätzung eigentlich nur Lob. Lob, das sie schon allein deshalb verdient haben, weil sie sich hingesetzt haben. Na, Hasso, mach Sitz! Ja, brav issa!

Dabei werden nicht einmal mehr Kinder bedingungslos gelobt, um sie anzuspornen. "Toll, Lina, du hast dir schöne Farben für das Malbuch ausgesucht. Achte doch aber darauf, das nächste Mal nicht über den Rand zu malen." Lina hat etwas nicht nach allgemein gültigen Regeln gemacht und wird darauf hingewiesen. Beim nächsten Mal wird sie versuchen, es besser zu machen. Sie könnte natürlich auch mit dem Fuß aufstampfen und schreien, dass Mama überhaupt keine Ahnung von wahrer Kunst hätte.

Kommentare:

  1. Super, Karin! Und leider erlebe ich allzu oft, dass nicht wenige Nicht-Indie-Autoren, die viel mehr als nur 2,99 verlangen, meine "Wertschätzung" nicht verdienen. Sie mögen zwar feste geschrieben, aber darüber das Denken vergessen haben. Nebenbei bemerkt: wer Jahre seines Lebens an ein Buch verwendet, hat Jahre seines Lebens verschwendet. (Wissenschaftliche Werke ausgenommen.)
    C. Harry Kahn --- ich hab immer Mühe mit diesen Identikits!

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    1. Dem von mir sehr hochgeschürzten Kollegen C. Harry Kahn, möchte ich allerdings entgegenhalten, dass jemand, der Jahre seines Lebens an ein Buch verwendet, nicht Jahre seines Lebens verschwendet – sofern er es aus freien Stücken macht. Denn jeder hat grundsätzlich das Recht sein Leben so zu gestalten, wie er es für richtig hält – sofern das leben und die Umstände dies zulassen …

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  2. Vollkommen richtig. Klar, ein gewisses Maß an Respekt vor dem Autor sollte da sein wie vor jedem anderen Menschen auch. Sprich ich würde in einer Rezension nie beleidigen und nur konstruktiv schreiben, was mir missfällt. Aber ich wertschätze nichts, das für mich keinen Wert hat, und ein Buch, dass ich schlecht finde, ist mir nun einmal nichts wert. Umgekehrt kann ich auch nicht erwarten, dass mir Wertschätzung entgegen gebracht wird, nur weil ich geschrieben habe, die verdiene ich mir bei den Menschen, die mein Buch mögen. Und sollte es überhaupt keiner mögen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Es haben die falschen Leute gekauft oder es ist einfach schlecht. Damit muss ich dann einfach leben und es besser machen.

    Hassrezensionen sind natürlich Mist, die braucht keiner. Aber wenn ich eine Negativkritik habe, fange ich die sicher nicht an mit "Toll, dass der Autor sich die Mühe gemacht hat, viel Lebenszeit in diese 300 Seiten zu investieren, dafür bringe ich ihm meine Wertschätzung entgegen, aber...". Wenn man nicht damit umgehen kann, nicht nur Lob für sein Buch zu bekommen, sollte man es eben nur unkritischen Bekannten geben. Selbst bei Bestsellern gibt es Negativrezensionen, muss man abkönnen, wer da dann über mangelnde Wertschätzung schmollt, ist vielleicht einfach nicht für die literarische Öffentlichkeit gemacht, auch wenn das hart klingt.

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  3. Wollte hier selbst gestern schon was schreiben, aber immer wieder, wenn ich hier tippe, stürzt mir die Seite ab und vor lauter Frust tippe ich dann nicht nochmal alles neu. aber jetzt, zweiter Versuch:

    Karins Beitrag kann ich mich nur anschließen. viele wollen immer und überall für alles gelobt werden. Dass manche Bücher einfach nicht gefallen, obwohl wir Autoren doch so verzweifelt darauf hoffen, muss man sich klar machen, bevor man veröffentlicht.
    Ihnen Herr Kahn wollte ich sagen, dass auch ich, die Zeit, die ich geschrieben habe (oder auch jetzt immer noch schreibe) nicht als verloren oder vertan ansehe. Ich erschaffe Welten und Geschichten in meinem Kopf und zumindest für den Moment, den ich diese zu Papier bringe, berühren sie mich und nehmen mich mit in Welten, die ich hier in der Realität nicht erleben könnte. Es gibt sie nun mal einfach, die Träumer. Hat es immer, wird es immer. Ich bin einer davon. Einer von vielen. Und ich bin es gern.
    Den übrigen Kommentaren kann ich mich darum getrost anschließen.

    Danke mal wieder für einen schönen Beitrag liebe Karin.

    Die besten Grüße

    Sylvia Rieß

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  4. Hallo Karin,

    stimmt, Wertschätzung ist zu einem Schlagwort geworden und wird oft falsch mit Lob gleichgesetzt. So wie Kritik oft mit fehlender Wertschätzung gleichgesetzt wird. Wertschätzung ist aber die Anerkennung einer Person oder einer Sache und Respekt gegenüber dem Menschen oder Produkt. Gerade bei Kritik zeigt sich, ob jemand den Wert einer Sache oder Person schätzt oder nicht. Kritik sollte immer sachlich vorgebracht werden ohne Angriff auf eine Person. Wenn z. B. ein Handwerker oder Schriftsteller stunden-, wochen- oder jahrelang gearbeitet haben und das Ergebnis und eventuell auch die Person kritisiert werden, ist das natürlich frustrierend. Nur weil jemand Zeit investiert hat, hat er deshalb keinen Anspruch auf eine positive Bewertung, aber eine Anerkennung für den Zeitaufwand. Kritik ist immer auch eine Chance für eine Verbesserung und sollte deshalb positiv aufgenommen werden, sofern sie sachlich vorgebracht wurde.

    Viele Grüße
    Claudia

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