Donnerstag, Oktober 01, 2015

[Diskussion] (K)Ein Heiligtum - das eigene Profil

"Kommentarlose Freundschaftsanfragen nehme ich nicht an!", "Ich habe meine Friendlist ausgemistet!" - Die Liste der Aussagen, die sich um das eigene Profil drehen (egal in welchem Netzwerk, bei Google+ entkreist man halt entsprechend), ist lang. Ihnen gemeinsam sind eigentlich zwei Dinge.

1. Man nimmt sich selbst viel zu wichtig. 

Viele stellen es so dar, als wäre es ein überaus schwer zu erlangendes Privileg, eine virtuelle Freundschaft zu erlangen, die in 99% der Fälle nur in Listen feststellbar ist. Auch wenn noch so gezetert wird und die Bedeutung einer virtuellen Freundschaft ins Unermessliche aufgeblasen wird, angenommen wird ja dann doch jeder, von dem man mal drei Likes/Plusse in einer Diskussion erhalten hat. Das ach so geschützte private Profil wird also doch wieder öffentlich - wenn auch nicht an den Privatsphäre-Einstellungen ersichtlich.
Im Übrigen ist das, was da so gepostet wird, nicht so exklusiv, dass man panisch irgendwelche Vorhänge zuziehen müsste. 
Man kann auch überhaupt gar keinen Anspruch ableiten, dass sich andere danach richten müssten, was man selbst gerne im Stream haben will. Wer dem nicht entspricht, wird gnadenlos entfernt! Jawohl! Aber sowas von! Wie war das noch gleich mit Toleranz, Meinungsvielfalt und den ganzen bedeutungsschweren Begriffen? Naja, egal. Denn abgesehen davon, dass eine solche Sichtweise recht egozentrisch daher kommt, schlägt auch noch 2. zu:

2. Die eigene Sichtbarkeit wird vernachlässigt.

Zur Einschränkung der Reichweite einer Facebook-Seite habe ich bereits meine Überlegungen geschildert. Ich kann nur wiederholen, das eigene Profil nicht auf ein Podest zu stellen. Denn es bietet viel mehr Möglichkeiten, als eine Seite. Freunde und Abonnenten sehen Beiträge viel wahrscheinlicher als die einer Seite. Die Vernetzung über das Profil ist viel persönlicher, es entsteht eine engere Bindung, genau weil viele den Schritt zur Freundschaft unnötigerweise stark gewichten. Da wird ja so getan, als würde man den Bund fürs Leben eingehen. Ist doch Quatsch! Das muss man ausnutzen! Jeder Freund, jeder Abonnent ist ein möglicher Leser! Es nervt aber, was derjenige so von sich gibt? Deshalb muss man ihn doch nicht davon ausschließen, was MAN SELBST loswerden wills Ignorieren heißt das Zauberwort (einstellbar) - der andere wird das aller Wahrscheinlichkeit nicht mal merken! Aber er sieht deine Beiträge. Ist doch egal, was der so verzapft, welche Einstellung er hat. Hauptsache er liest das, was du zu sagen hast.
Jeder, den du ausschließt, ist ein verlorener Leser. Das muss dir bewusst sein. 
Anfragen annehmen, das Profil zum Abo freigeben! So lautet die Devise. Denn was nicht jeder wissen soll, hat in den sozialen Netzwerken ohnehin nichts zu suchen.

Das eigene Profil ist nur in der Hinsicht ein Heiligtum, dass man die eigenen Posts wirklich überdenkt. Auch im real Life wird einem Bekannten nicht alles auf die Nase gebunden, warum dann im Netz? Bloß weil dir das Netzwerk suggeriert, hier bestünde eine Freundschaft?

Wenn aber Leser generiert werden sollen, ist das Profil auf keinen Fall ein unantastbares Heiligtum. Es ist lediglich ein Instrument, dass eingesetzt werden will.

Bildnachweis: FreeImages.com / Bert Van den Roye

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