Donnerstag, November 12, 2015

[Diskussion] Auf die Länge kommt es an - Die Länge eines Romans

Bild: FreeImages.com /Afonso Lima
Ein Buch ist für mich nicht abschreckend, weil es lang ist. Im Gegenteil. Hohe Seitenzahlen bedeuten für mich ein besonders tiefes Hineintauchen in die dargestellte Welt, ein besonderes Verschmelzen mit der Geschichte. Noch besser sind Reihen. Sie versprechen mir, eine ganze Weile bei den Protagonisten leben zu dürfen. Ich erlebe mit ihnen Höhen und Tiefen.

Dem hätte ich besser ein "Es war einmal..." voran schicken sollen. Denn inzwischen hat sich meine Vorfreude sehr geschmälert. Dieses Mal muss ich leider den Indies die Schuld geben. Genauer gesagt den Indies, die auf ein Lektorat verzichten. Zu häufig wurde ich schon mit umständlichen und schiefen Sätzen gefoltert und mit Informationen ohne Mehrwert gefüttert. Den ein oder anderen Roman hätte man sicher um die Hälfte kürzen können. Er hätte damit sehr viel gewonnen.

Inzwischen schrecken mich über 400 geschätzte Seiten bei einem Indie-Roman ab. Sie sind ein Indiz für ein fehlendes Lektorat und sehr viel Langeweile. Negative Rezensionen bestätigen meist meine Vermutung und ich lasse das Buch links liegen. (Eine Ausnahme bilden Historienromane und High Fantasy. Sie können durchaus durch detailreiche Beschreibungen länger als der Durchschnittsroman sein. Vorsicht ist dennoch geboten.)

Nun werden viele Autoren sagen: "Weiß die, was ein Lektorat kostet? Das muss man erst einmal investieren und keiner sagt dir, ob du das Geld je wieder verdienen wirst." Das ist richtig. Das bestreite ich nicht. Die Frage ist aber nicht, ob man das Lektorat weg lassen kann, sondern wie man zumindest so etwas Ähnliches wie ein Lektorat erhalten kann, wenn es der Geldbeutel nicht hergibt.

Ich rate zur ausführlichen Arbeit mit Testlesern, zum Beispiel in geheimen Facebookgruppen. Es gibt genug Büchergruppen, in denen man solche rekrutieren kann. Man wird recht schnell deutliche Rückmeldung zu Szenen, Unklarheiten oder unnötige Längen im Text erhalten, die man daraufhin überarbeiten kann. Wichtig ist jedoch, dass man keine persönliche Beziehung zu den Testlesern hat. Die meisten werden einem nämlich kaum die ganze Wahrheit sagen. Unbekannte sind in dieser Hinsicht verlässlicher.

Eine erste Überarbeitung sollte jedoch schon vorher erfolgen. Inzwischen gibt es zahlreiche Schreibratgeber, die verschiedene Strategien ausführlich erklären. Zumindest das Geld für solche Ratgeber sollte man investieren.

Kommentare:

  1. Die Zeiten der dicken Schinken à la Tom Clancy, Robert Ludlum etc. sind ja zum Glück vorbei. Wie du sagst, gibt es noch bestimmte Typen, bei denen Länge sinnvoll sein kann. Bei Fantasy würde ich das eher bezweifeln, da mündet Länge leicht in Langeweile. Und bei leichter Lektüre, die man nur zum Spaß liest (dazu zähle ich auch meine Geschichten), sehe ich die Grenze schon eher bei 300 als bei 400 Seiten. Alles darüber ist Popcorn: Man packt es in eine große Tüte, aber es ist nur Luft.

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    1. Weshalb sagst du "zum Glück"? Robert Ludlum als 200-Seiten-Buch - unvorstellbar. Obwohl man es nicht zur Regel machen kann, bin ich dünnen Büchern gegenüber eher skeptisch, weil ich denke, ein Autor, der ein umfangreiches Werk anstrebt, wird mehr Tiefe, Spannungsbögen, überraschende Wendungen etc. einbauen können. Er beweist Durchhaltewillen und ist engagiert. Dünne, aus der Hüfte abgeschossene Bändchen, wie ich sie in Massen bei den Indies antreffe, haben das in der Regel nicht aufzuweisen. Natürlich gibt es auch künstlich aufgeblasene Romane, aber ich denke, die sind ziemlich selten, weil man sich dabei als Autor ja selber langweilt. Übrigens - was sind Bücher, die man nur zum Spaß liest? Ich lese jedes Buch aus Spaß.

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  2. Ein guter Ratgeber ist das ja nicht, wenn du sagst, Indies sollen sich das Geld für ein Lektorat sparen und einfach mal ein paar Testleser rüber rutschen lassen und Ratgeberbücher kaufen. Ich habe keine gute Erfahrung damit gemacht...
    Und es ist, wie es ist: Wer ein Buch selbst herausbringen will, der muss auch mit Kosten rechnen. Wer sich die Buchveröffentlichung nicht leisten kann(es müssen ja keine 2000 euro sein), der muss eben warten, bis er dieses Geld aufbringen kann.
    Ich kann auch keinen Shop eröffnen(Gewerbe) wenn ich mir die Waren, die ich verkaufen will und die Versicherungen (und die Miete für den Laden) nicht leisten kann.
    Ich kann mir kein Haus kaufen, wenn ich nicht genug Eigenkapital vorweisen kann.
    usw.
    usw.
    Ich habe zum ersten mal ein Ü400-Seiten-Indie-Roman. Nur leider gefällt mir der Schreibstil nicht. Ich habe nur knapp 100 seiten gelesen bis ich das Buch weggelegt habe. Das was ich bisher gelesen habe war ok, nur wurde ich mit dem Schreibstil einfach nicht warm.

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    1. Liebe Katzenflieder,

      ich rate nicht zum Weglassen des Lektorats. Aber bevor jeder sein Zeug unbearbeitet auf den Markt wirft und mir meine Zeit stiehlt, sollte er zumindest Testleser bemühen. Die ein Lektorat natürlich NICHT ERSETZEN. Aber Ideal und Realität gehen halt auseinander.

      Lg, Karin

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    2. Liebe Katzenflieder,

      ich rate nicht zum Weglassen des Lektorats. Aber bevor jeder sein Zeug unbearbeitet auf den Markt wirft und mir meine Zeit stiehlt, sollte er zumindest Testleser bemühen. Die ein Lektorat natürlich NICHT ERSETZEN. Aber Ideal und Realität gehen halt auseinander.

      Lg, Karin

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  3. Kann diese Schein-Argumentation, dass ein Lektorat teuer ist und man nicht weiß, ob das Geld je wieder reinkommt, nicht mehr hören! Hat einer jemals mit einem Seifenkistchen ein Formel 1-Rennen gewonnen? Ich meine, er hat doch jede Menge Entwicklungskosten etc. gespart …
    Die Frage kann nicht sein, ob das Geld für ein Lektorat je wieder „reinkommt“, sondern, ob man ernsthaft etwas abliefern will, dass das Beste ist, was man hinkriegen konnte oder nicht. Denn der Leser möchte nicht AHNEN was der Autor schaffen wollte, sondern er möchte es LESEN …

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  4. Hallo Karin,
    ich stimme Dir da zu.
    Ich hatte auch mehrere "Kontrollgremien".
    Zuerst mein "Romankränzchen", bestehend aus drei Hobbyautoren.
    Wir haben uns alle zwei Wochen bei mir Zuhause getroffen und uns gegenseitig die entsprechenden Kapitel vorgelesen.(Diskutiert, Vorschläge gemacht)
    Dann hatte ich einen Mentor. (Lektor der Schreibwerkstatt)
    Nach gefühlten 100 maligen "Neu" Schreiben, Kürzen etc. kamen die Testleser und wieder begann alles von vorn:
    Besprechen, Schreiben, Korrigieren, Kürzen.
    Dann am "Ende" das semiprof. Lektorieren und Korrigieren.
    Neue Testleser...
    Das ganze hat ein paar Jährchen gedauert.
    Für mich ist das Ende der Fahnenstange erreicht, obwohl ich mir ganz sicher bin, dass ein Verlag aus dem Manuskript noch mehr herausholen könnte.

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    1. Anhang zu Anonym...
      Das war mein Statement.
      LG Charly

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  5. Ich sehe die Schwierigkeit darin, einen guten Lektor zu finden. Es gibt keinerlei Qualitätssiegel und in letzter Zeit sprießen "Lektoren" auch überall aus dem Boden. Da ist es besonders für einen Anfänger schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn bei all der Disksussion um die Notwendigkeit eines Lektorats sollte man nicht vergessen, dass die Beauftragung eines Lektors nicht mit einem qualitativen Lektorat gleichzusetzen ist.

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    1. Freilich gilt auch das. Ich habe selbst schon Lektoren erlebt, die so unfähig waren, dass sie mehr Fehler ein- als ausgebaut haben. Dafür dann x00 Euro investieren? Danke, da kann ich es auch selber machen.

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  6. Man sollte bitteschön Lektorat und Korrektorat fein säuberlich auseinanderhalten. Einen Korrektor braucht kein Mensch zu bezahlen, denn Rechtschreibung und Grammatik kann man - Überraschung!! - LERNEN! (Ich bin übrigens der Meinung, dass Autoren, die nicht mal Rechtschreibung, Grammatik und Satzbau beherrschen, NIEMALS in der Lage sein werden, ein gutes Buch zu schreiben - weil sie die schönsten Ideen nicht in passende Formulierungen gießen können und die Nuancen der Sprache ihnen selbst - und damit ihren Lesern - verschlossen bleiben.) Ein Korrektor darf also maximal die paar (Tipp-)Fehler finden, die jedem normalen Menschen eben mal passieren und die wegen "Betriebsblindheit" vom Verfasser nicht gefunden werden. - Und mit Lektoren kann man ebenfalls nicht "einfallen", denn alle stilistischen und inhaltlichen VORSCHLÄGE des Lektors sind a) logisch begründet und b) können - da fakultativ - jederzeit vom Autor abgelehnt werden. Jeder vernünftige Mensch kann die Vorschläge eines Lektors als Verbesserungen erkennen - falls nicht, stimmt entweder mit dem Autor oder dem Lektor etwas nicht ...

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