Freitag, Dezember 18, 2015

[Diskussion] Der "Das darf doch nicht wahr sein"-Hammer anhand Sandra Floreans "Nachtahne"


Vielen Romanen fehlt er. Schmerzlich. Er ist kaum auszuhalten. Man möchte schreien. Oder weinen. Oder beides. Auf alle Fälle stellt er alles auf den Kopf. Nichts ist mehr so, wie es war. Nichts ist das, das man erwartet hat. Kurz: Wenn du einen richtig, richtig spannenden Roman schreiben willst, dann brauchst du einen "Das darf doch nicht wahr sein"-Hammer. Klar, man könnte ihn auch als Plot Point oder als unerwartete Wendung bezeichnen. Aber ehrlich? Zwischen einem Plot Point und einem "Das darf doch nicht wahr sein"-Hammer liegen Welten, nein Universen!

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Autoren die Spannung beim Schreiben selbst nicht aushalten und deshalb unbewusst einen "Das darf doch nicht wahr sein"-Hammer auf der Straße liegen lassen. Vielleicht braucht man dafür auch eine sadistische Ader? Kann schon sein. Denn das Geheimnis ist eigentlich keins. Dein Protagonist muss leiden. Er muss durch die Hölle. Durch seine persönliche Hölle.

Auch das ist ein Punkt, den Sandra Florean in ihrer Vampirreihe vortrefflich beherrscht. Du denkst, du weißt, wie es weitergeht? Du wiegst dich in Sicherheit, siehst das Happy End schon auf der Zielgeraden und dann bäm! Alles kommt anders. Alles kommt schlimmer! Als Leser möchtest du die Figuren schütteln und beuteln, ihnen für ihre Entscheidungen einen runterhauen. Und dann willst du wissen, wie es weitergeht. Wie wird dieses Dilemma aufgelöst?

Im Grunde ist es ganz einfach. Als Leser erwartest du den heißen und innigen ersten Kuss? Die Gesichter kommen sich näher, die Figuren schließen die Augen und spitzen die Lippen. Es knistert und zischt, so aufgeladen ist die Atmosphäre - und ein läutendes Telefon macht alles zunichte (Das ist die Light-Version für den Nackenbeißer). Bei Sandra Florean sprechen wir da schon von anderen Hausnummern. Aber ich will dir das Lesevergnügen nicht durch Spoiler verderben. Es geht sozusagen um Leben und Tod und zwar auf eine realistische Art und Weise.

Ein weiterer Punkt des "Das darf doch nicht wahr sein"-Hammers. Es handelt sich stets um Situationen, bei denen man selbst nicht weiß, wie man richtig handelt. Die Figuren befinden sich stets in einem echten Dilemma und man ist bei aller Spannung froh, nicht in ihrer Haut zu stecken. Es sind Situationen, die die eigenen Werte und Normen auf den Kopf stellen, weil sie eine Entscheidung nicht ermöglichen. Sondern es muss eine ganz neue Entscheidung getroffen werden, von der man nicht weiß, ob sie richtig ist oder nicht. Das wird erst der weitere Verlauf zeigen. Und damit fängst du deine Leser. Denn sie wollen wissen, ob sich die getroffene Entscheidung als richtig herausstellt oder alles nur noch schlimmer macht. (Und ja: erst einmal macht die Entscheidung alles nur noch schlimmer! Sei kein Weichei! Sei böse zu deinen Figuren!)

Solche Dilemma findet man übrigens vor allem in der klassischen Literatur. Ja, ich spreche von den ganz Großen. Goethe und Schiller und so. Aber wer mit den Dramen nicht so klar kommt, kann auch einfach Sandra Floreans Nachtahne lesen. Die sind anschaulicher :)

1 Kommentar:

  1. Huhu :)
    Schöner Beitrag! Ich liebe solche Momente auch sehr und bin immer enttäuscht, wenn ein Buch ganz ohne daher kommt. Lesen macht doch deutlich mehr Spaß, wenn man sich so richtig aufregen, mitfiebern und die Charaktere/die Handlung verfluchen möchte, weil sie einen so mitnimmt. :)
    Noch bin ich mit den Nachtahnen nicht ganz so weit, daher bin ich mal gespannt, wie mir diese "Das-darf-doch-nicht-wahr-sein"-Hammer gefallen werden. ;)

    LG und einen schönen 4.Advent,
    Alica

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