Freitag, Dezember 11, 2015

Hinter den Kulissen: Wie Figuren lebendig werden - mit Sandra Florean, Dorian und Louisa


Romane reißen mich dann besonders mit, wenn ich am Leben der Figuren teilhaben darf. Wenn ich jedes Drama mit ihnen durchleide und mich am Ende mit ihnen freuen darf. Manch einem Autor fällt es etwas schwer, seinen Figuren Leben einzuhauchen, manch anderer widmet seinen Figuren auch nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigen. Dorian und Louisa aus Sandra Floreans Nachtahnreihe sind jedoch ein Paar, von denen man denkt, sie schon ewig zu kennen. Sandra Florean hat mir verraten, wie sie bei ihrer Schöpfung vorgegangen ist und wirklich aussagekräftige und lebendige Figuren erschaffen hat.

Liebe Sandra, wie beginnt der Schöpfungsprozess deiner Figuren?

Jede Geschichte steht und fällt mit den Protagonisten, finde ich. Wenn ich beim Schreiben das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt, liegt es meistens tatsächlich daran, dass meine Figuren noch keine "eigene Stimme" haben oder dass sie "farblos" sind.

Die Authentizität meiner Figuren ist mir besonders wichtig, deshalb habe ich ihnen auch viel Zeit gewidmet und versetze mich immer wieder in ihre Lage. Das gelingt mir allerdings nur, wenn ich sie zuvor detailliert "definiert" habe.

Zu Anfang steht meist eine grobe Vorstellung des Charakters, wie sie oder er in die Geschichte passen könnte, die ich bereits skizziert habe. Ich denke lange drüber nach, wie dieser Charakter sich in der geplanten Geschichte wohl benehmen wird, wie sie oder er da hinein passt und welche Reibungspunkte es möglicherweise gibt. Dann forme ich die Figur aus. Ich überlege mir neben Aussehen einen Hintergrund, eine Vorgeschichte oder Vita, Stärken, Schwächen, Bildung, Interessen, Vorlieben, Abneigungen usw. Dafür verwende ich einen Charakterbogen, den ich vom Pen & Paper-Rollenspiel kenne. Danach kommen dann Wünsche und Ziele hinzu. Das ist besonders wichtig. Ohne genau definierte Träume und Wünsche, auch wenn sie abgehoben und unsinnig sind, ohne Ziel vor Augen und Perspektive ist das Leben doch ohne Sinn - eine Geschichte wäre es allemal. Nur wenn meine Protagonisten Ziele und Wünsche haben, bringt es die Geschichte überhaupt in Gang und ich kann ihnen erfolgreich Steine in den Weg legen.

Je detaillierter ich diese "Kleinigkeiten" ausarbeite, umso einfach wird es für mich nachher, mich in den Charakter hineinzuversetzen und sie oder ihn authentisch agieren zu lassen. Denn nur, wenn ich diese Figur genau kenne, kann ich in ihrem Sinne reagieren und nicht, wie ich es machen würde.

Gibt es Vorbilder für deine Figuren? Oder beobachtest du die Menschen nur einfach sehr genau?

Vorbilder habe ich für meine Figuren nicht. Es ist eher so, dass alle Menschen, die mich in der Vergangenheit oder Gegenwart beeindruckt/beeinflusst oder auf irgendeine Weise inspiriert haben, häppchenweise in meine Geschichten hinein fließen. Das können Freunde sein, Arbeitskollegen, flüchtige Bekannte, interessante Gespräche/Geschichten von Freunden oder Fremden. Sprich: alles, was ich so erlebe oder erlebt habe.

Beim Lesen des ersten Teils war mir Dorian ja nicht gerade sympathisch. Ein bisschen überheblich, der Gute und sehr von sich selbst überzeugt. Allerdings hat er sich dann doch meine Anerkennung verdient. Kein Vampir für Schubladen! Was kannst du mir über Dorian, DIE Hauptfigur, erzählen?

Die Figur Dorian war schnell geschaffen. Der Wunsch nach einem eigenen Vampirroman mit einem Helden, der genau die Dinge erlebt, die ich gern erleben würde, reifte schon lange Zeit in mir. Also habe ich Dorian mit allem ausgestattet, was er braucht, um erstens: so ein alter und vor allem skrupelloser Vampir zu werden und zweitens: dennoch sympathisch zu sein. Deshalb ist er zwar fürchterlich von sich überzeugt, nimmt sich aber auf der anderen Seite selbst nicht so ernst. Er ist rücksichtslos, wenn es nötig ist, und doch herrlich romantisch und aufopferungsvoll, wenn er jemanden liebt oder sich für denjenigen verantwortlich fühlt. Dorian ist so, wie ich denke, dass man sein müsste, um all das, was er erlebt hat, unbeschadet zu überstehen.

Sein Alter und seine Macht bringen eine gewisse Arroganz mit sich, verständlicherweise. Genau diese Arroganz und stellenweise Selbstverliebtheit machen ihn aber auch sehr angreifbar. Ich glaube, wir kennen alle Menschen, die unserer Meinung nach alles haben: gutes Aussehen, Charisma, Erfolg im Beruf und in der Liebe. Wollen wir die nicht alle gern mal stolpern oder sich mit Senf bekleckern sehen? Hier muss ich gestehen, dass ich an meinem Liebling Dorian ein bisschen meine sadistische Seite ausgelebt habe. Damit es ihn auch wirklich hart trifft, musste er anfangs einfach wie der strahlende Held daher kommen.

Das macht natürlich Sinn. Die Figur steht nicht nur für sich, sie muss ja auch "ihre" Geschichte durchleben. Dorian ganz oben, Louisa ganz unten. Welche besonderen Eigenschaften hast du Louisa zugedacht?

Bei Louisa war das etwas anderes. Ich wollte unbedingt weg von diesem schwache Frau trifft tollen Vampir Image. Louisa sollte eine starke, über sich hinauswachsende Figur werden, die sich in der Geschichte entwickelt. Genau deshalb treffen wir sie an einem ihrer Tiefpunkte und erleben mit, wie sie sich trotz allem nicht unterkriegen lässt und für sich und ihre Bedürfnisse einsteht. Sie sollte keine farblose Sterbliche werden, die unbedingt verwandelt werden will. Das war mir einfach zu wenig.

Louisa ist Mitte zwanzig und steht mit beiden Beinen fest im Leben. So scheint es. Doch auch sie hat eine andere Seite, die sie kaum jemandem zeigt: ihre Angst und ihre Alkoholsucht. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die vom Schicksal zu Fall gebracht wurde. Sie hat etwas erlebt, das keine von uns erleben möchte und auf das jede Frau anders reagieren würde. Anstatt sich von diesem Schlag unterkriegen zu lassen, steht sie auf und kämpft. Dabei probiert sie unterschiedliche Wege aus, wohl wissend, dass vieles davon übertrieben und auf Dauer nicht gut für sie ist.

Es ist ihr bewusst, dass sie aus Angst angefangen hat, zu trinken. Und dass sie genau aus dieser Angst heraus immer weiter trinkt. Dennoch kann sie nicht damit aufhören. Sie ist gefangen in diesem fürchterlichen Kreislauf und versucht doch immer wieder, daraus auszubrechen. Stellenweise macht sie sich das Leben dadurch unnötig schwer, aber die Alternative wäre Aufgeben, und das kommt für Louisa nie in Frage. Was das angeht, ist sie Dorian sehr ähnlich. Auch er hat sich nie unterkriegen lassen.

Suchtverhalten habe ich in meinem Umfeld bereits in vielen Varianten erlebt. Es ist erschreckend, wie vielfältig sich Sucht ausdrückt. Vielleicht wollte ich einen Teil meiner Erlebnisse damit verarbeiten oder meine Leser für das Thema sensibilisieren. Vielleicht wollte ich auch nur Figuren schaffen, die ehrlich und authentisch sind. Leute wie du und ich eben ;)

Liebe Sandra, auch für dieses Interview ein herzliches Dankeschön. Dorian und Louisa haben schon allein dadurch wieder mehr an Leben gewonnen!

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