Donnerstag, Januar 14, 2016

Die Metamorphose einer Figur anhand der äußeren Gestaltung - Die Eiskönigin

Das Äußere einer Figur sollte nicht zufällig sein. Mit ihrem Aussehen kann die innere Verfassung und ihre Entwickliung gespiegelt und/oder verausgedeutet werden. Nur durch äußere Attribute sortieren wir Figuren in uns bekannte Schemata ein. Das finster drein blickende Muskelpaket mit geschorenen Haaren und vernarbten Gesicht und Dreitagebart? Wahrscheinlich ein Ex-Soldat, der nun als Söldner für "die böse Seite" anheuert. Warum trägt Darth Vader eigentlich kein modisches Pink? Diese Zuordnungen basieren auf Erfahrungswerten. Wenn man mit ihnen spielt, erzeugt das meist Komödien. Man denke an den Muskelprotz, der plötzlich als Kindermädchen eingesetzt wird (Dwayne Johnson, Hulk Hogan, ...). Der Muskelprotz passt nicht in die Situation oder kommt einfach aus einem anderen semantischen Raum, weswegen er bei der Kinderbetreuung deplatziert wirkt - und es wird komisch.

Figuren sollen sich im Laufe einer Geschichte entwickeln. Um die Veränderung zu verdeutlichen, kann man sich des Aussehens der Figur bedienen. Oft genug lassen sich die Schritte einer Metamorphose anhand der veränderten Darstellung belegen. Eine Figur schneidet sich die langen Haare ab? Oder färbt sie? Warum trägt sie plötzlich Schwarz? Oder Rot? Die Jogginghosen werden im Schrank verstaut und das kleine Schwarze wird herausgeholt? Es gibt zig Möglichkeiten.

Besonders anschaulich verläuft die Metamorphose von Elsa in Disneys "Die Eiskönigin", da die größte Veränderung während eines Songs passiert. Bitte schau dir deshalb zuerst das Video dazu an:


Elsa beherrscht das Eis. Als Kind verletzt sie mit ihrer Gabe jedoch ihre Schwester Anna, sodass sie ihre Eltern dazu anhalten, ihre Gabe zu unterdrücken und zu verleugnen. Dies bringt die Figur ins Ungleichgewicht, denn sie kann (und will) sich nicht selbst verleugnen. In der vorliegenden Szene findet sie zu sich selbst. Zusätzlich zum sehr deutlichen Liedtext verändert sich auch ihr Aussehen passenderweise.

Vor der Metamorphose ist das weißblonde Haar zu einem strengen Knoten gebunden, was die Einschränkung und Selbstkontrolle Elsas spiegelt. Dazu passend wirkt sie steif, ihre Bewegungen fahrig. (Nicht im Video ersichtlich, sondern bei ihrer Krönungsfeier.) Nebenbei ist die Haarfarbe natürlich auch nicht zufällig. Passend zur Kälte und dem Eis ist Elsa die kühle Blonde. Ihre warmherzige Schwester Anna bildet den Kontrast dazu - sie ist brünett.

Das Kleid ist unauffällig und in gedeckten Farben gehalten. Ja, man kann es auch als züchtig bezeichnen. Es ist hoch geschlossen, die schwarzen Ärmel verbergen alles und der lange beerenfarbene Samtmantel wirkt schwer und wie eine Bürde - was Elsas Lage an ihrem Krönungstag beschreibt. Sie muss sich ihrem Volk stellen und keiner darf von ihrer Gabe erfahren - dies macht ihr Angst, setzt sie unter Druck, was wiederum zur Eskalation führt. Aber dazu ein andernmal mehr.

Die Verwandlung wird unmittelbar vorher angekündigt - durch ein Kleidungsstück! Ihre Schwester Anna nimmt ihr im Streit einen ihrer Handschuhe ab, die wiederum ein Symbol für das Wegsperren ihrer Kraft sind. Ihr Vater hat sie ihr nach dem Unfall mit Anna übergezogen. Elsa flüchtet also mit nur einem Handschuh. Ein Handschuh entspricht jedoch nicht der Normalität. Es wird gezeigt, wie sich Elsa im Ungleichgewicht befindet. Umgeben von der Kälte in den Bergen siegt ihr wahres Ich.

Sie entledigt sich des zweiten Handschuhs, um ihre Kraft frei zu setzen. Sie lässt den schweren Mantel, der sie bislang unterdrückt hat einfach davon fliegen. Ein deutliches Symbol für ihre innere Befreiung. Gleichzeitig werden ihre Bewegungen geschmeidig, fraulich, ja sogar kokett. Sie löst ihren strengen Knoten zu einem locker geflochtenem Zopf (hier wäre auch offenes Haar vorstellbar gewesen. Es ist zu überlegen, ob es ein Zopf bleibt, weil er sich aus der vorherigen Frisur leichter umsetzen lässt oder weil ein Rest der Selbstkontrolle bleibt wie aus dem weiteren Verlauf des Filmes ersichtlich wird.) Das schwere Kleid verwandelt sich in ein ziemlich offenherziges, bis zum Oberschenkel geschlitztes und schulterfreies Kleid. Elsa trägt dazu Pumps aus Eis (davor dunkle Ballerinas) und sie strotzt nur vor Selbstbewusstsein. Der Umhang ist durchsichtig und wirkt fluffig wie Schnee. Die glitzernden Elemente lassen sie zusätzlich erstrahlen. Am Ende stimmen Inneres und Äußeres überein, die Figur wirkt glücklich und in Balance.

Dieses Mittel funktioniert nicht nur im Film, sondern auch im Roman. Nur die Erklärung ist am Film leichter. In einem Text können diese Informationen beiläufig eingestreut werden. Oft ist es nicht einmal relevant, ob sie der Leser bewusst wahrnimmt. Im Unterbewusstsein und in der Vorstellung wird die Bemerkung verarbeitet. Die Übereinstimmung von Entwicklung und Aussehen ist eine kleine Feinheit, die mitunter den Unterschied zwischen Litertur und einfachem Text macht. Hat man das Prinzip einmal verstanden, ist das entschlüsseln relativ leicht - oder das Verwenden des Stilmittels. Natürlich gibt es verschiedene Abstufungen. Die Haarfarbe ist noch relativ leicht. Der fehlende Handschuh für die innere Unausgeglichenheit schon eine Stufe höher.

Viel Spaß beim Analysieren in den kommenden Büchern und Filmen ;) Übung macht den Meister!

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen